Schluss mit Gewalt gegen Kinder

"Ich wollte nicht, aber es geschah so schnell."

Sierra Leone gilt als eines der am wenigsten entwickelnden Länder der Welt. Viele Kinder müssen arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen.
© UNICEF/SRLA2011-0384/Asselin
Sierra Leone gilt als eines der am wenigsten entwickelnden Länder der Welt. Viele Kinder müssen arbeiten, um ihre Familien zu unterstützen.

Eine Sozialarbeiterin kämpft in Sierra Leone für mehr Kinderschutz und hat schon vielen jungen Menschen geholfen. Zum Beispiel der 16-jährigen Aminata. Dies ist ihre Geschichte.

Die 16-jährige Schülerin Aminata (Name geändert) lebt mit ihren vier jüngeren Brüdern und ihrer Großmutter in Makeni, der größten Stadt der nördlichen Provinz Sierra Leones. „Wir haben keine Mutter“, erklärt sie. „Man sagt, sie sei im Krieg gestorben.“

Die Familie ist arm. Um in die Schule gehen zu können, müssen die Kinder selbst für einen Teil der Kosten aufkommen. „Ich verdiene ein bisschen Geld, indem ich Kuchen verkaufe. Damit können wir uns Essen kaufen oder Dinge die wir für die Schule brauchen, wie Bücher und Stifte“, erzählt Aminata, sehr stolz auf ihre Leistungen.

Vor kurzem machte sie aber eine furchterregende Erfahrung, die sie wohl so schnell nicht wieder vergessen wird. Was ihr passiert ist, zeigt, wie schnell Kinder wie sie – alleine auf der Straße – Opfer von Ausbeutung und Missbrauch werden können, aber auch welchen Unterschied ein einzelner Mensch machen kann, der bereit ist zu helfen.

In dieser Schule müssen sich zwei Klassen einen Raum teilen. In Sierra Leone fehlt es sowohl an Schulen, als auch an ausgebildetem Lehrpersonal.
© UNICEF/NYHQ2011-0770/Asselin
In dieser Schule müssen sich zwei Klassen einen Raum teilen. In Sierra Leone fehlt es sowohl an Schulen, als auch an ausgebildetem Lehrpersonal.
Vor allem vielen Mädchen bleibt Schulbildung verwehrt. Die 12-jährige Ami Musa musste die Schule nach der zweiten Klasse abbrechen, weil sich ihre Familie die Schulgebühren nicht mehr leisten konnte.
© UNICEF/NYHQ2011-0733/Asselin
Vor allem vielen Mädchen bleibt Schulbildung verwehrt. Die 12-jährige Ami Musa musste die Schule nach der zweiten Klasse abbrechen, weil sich ihre Familie die Schulgebühren nicht mehr leisten konnte.

Die Einladung eines Fremden

„Ich ging zum Markt und sah einen wohlhabenden Mann am Straßenrand sitzen, der auf mich wartete. Ich verstand nicht warum, aber wann immer ich zum Markt ging, saß er da“, sagt Aminata. „Dann, eines Tages, rief er mich zu sich und fragte nach meinem Namen und wo ich wohne. Er sagte, dass er mir helfen wolle, ein besseres Leben zu haben, weil er sehen könne, dass ich ein tapferes Kind bin und nicht so wie die anderen Kinder. Er fragte mich, ob ich meine Schulgebühren zahlen könne und ich sagte nein. Er zeigte mir die Straße, wo er wohnte und sagte, ich solle ihn dort treffen. Er gab mir sogar Geld für die Motorradfahrt dorthin. Und er sagte, wenn ich ihn dort treffe, gibt er mir das Geld für meine Schulgebühren.“

In Sierra Leone wird Kindern beigebracht, Erwachsene nicht zu hinterfragen und von wohlhabenden Menschen und solchen mit einem höheren sozialen Status wird erwartet, dass sie den weniger glücklichen helfen. Deshalb stellte Aminata die Motive des Mannes nicht in Frage. Und sie akzeptierte seine Einladung.

„Ich ging zu seinem Haus und setzte mich dort auf einen Sessel. Er bestand darauf, dass ich mich neben ihm aufs Bett setze, weil er mir ein paar Fragen stellen wolle. Also setzte ich mich neben ihn. Er begann mich zu berühren. Ich sagte, „dafür bin ich nicht hergekommen. Wenn es das ist, was sie wollen, dann gehe ich.“ Er versperrte aber die Tür und begann mich zum Sex zu zwingen. Ich wollte nicht, aber es geschah so schnell. Er hielt mich fest und drückte seine Hand auf meinen Mund.“


Aminata schaffte es, seine Hand von ihrem Mund zu ziehen und begann zu schreien. Der Mann erschrak, lockerte seinen Griff und sie konnte die Tür öffnen, vor der schon eine Frau stand, die ihre Schreie gehört hatte.

„Die Frau stürmte herein und fragte, was passiert sei“
, erinnert sie sich. „Aber ich lief einfach weg und sprang auf ein Motorrad, das mich wieder zu meiner Großmutter brachte. Ich atmete so schwer, dass mich meine Großmutter fragte, was passiert ist. Ich erzählte ihr, was er gemacht hat. Ich konnte nicht aufhören zu weinen, während ich erzählte.“

Unterstützung und Ermutigung

Aminatas Großmutter brachte sie sofort zu ihrer Freundin Theresa bei Defence for Children International (DCI), einem Programm das Kindern und Jugendlichen hilft, die sexuell missbraucht und ausgebeutet wurden. Theresa begleitete Aminata und ihre Großmutter in das örtliche Krankenhaus, wo das Mädchen medizinisch untersucht wurde. Aminata erhielt einen ärztlichen Befund und es ging weiter zur Polizei, wo Theresa bei der Aussage half.

Vermittler wie DCI tragen entscheidend dazu bei, dass in solchen Fällen angemessen vorgegangen wird. DCI ist eine der Partnerorganisationen, die UNICEF unterstützt, um den Schutz von Kindern in Sierra Leone zu verbessern und Gewalt gegen Kinder, Missbrauch und Ausbeutung zu verhindern.„Es war schmerzhaft mit der Polizei zu sprechen und ich habe geweint. Aber Tante Theresa hat mir geholfen“, erinnert sich Aminata. Der Mann wurde als Folge ihrer Aussage verhaftet und wartet nun auf seine Gerichtsverhandlung.

Theresas Unterstützung war für Aminata eine wichtige Hilfe bei der Bewältigung ihres Traumas.

„Tante Theresa hat mich ermutigt und mit mir gesprochen. Ich war sehr unglücklich und sie versicherte mir, niemandem zu erzählen, was ich sage. An dem Tag, nachdem es passiert war, konnte ich nicht zur Schule gehen, und als ich am nächsten Tag wieder hin ging, fragten mich meine Freunde, wo ich war, aber ich sagte nur, mir wäre unwohl gewesen. Ich konnte nicht die Wahrheit sagen, weil ich mich zu sehr geschämt habe.“

Ein paar Jahre braucht Aminata noch, um die Schule zu beenden, doch sie weiß schon genau, welchen Beruf sie einmal ergreifen will. „Wenn ich mit der Schule fertig bin, werde ich Anwältin“, erklärt sie. „Uns Frauen werden Rechte verweigert, das will ich ändern!“


„Eines Tages, wenn Frieden herrscht, werde ich vielleicht um mich selbst weinen.”

Margaret wurde 2003 von der LRA entführt. Sie musste mitansehen, wie Mädchen als Sexsklavinnen missbraucht und andere getötet wurden.
© UNICEF/NYHQ2004-1159/LeMoyne
Margaret wurde 2003 von der LRA entführt. Sie musste mitansehen, wie Mädchen als Sexsklavinnen missbraucht und andere getötet wurden.

Grace Akallo wurde von Joseph Konys Lord Resistance Army entführt und gezwungen zu kämpfen – um zu leben. 17 Jahre später erzählt sie im UNICEF Hauptquartier in New York von ihrer Gefangenschaft und wie Bildung ihre Hoffnung, ihre Erlösung und ihr Antrieb zum Kampf für Frieden wurde.

Grace Akallo war erst 15 Jahre alt, als sie von der „Lord’s Resistance Army“ (LRA) in Aboke, im nördlichen Uganda, gefangen genommen wurde. Die militante Gruppe ist berüchtigt dafür, Zivilisten zu Tausenden sexuell zu nötigen, zu kidnappen und zu töten. Grace kann sich an jede einzelne Minute dieses Tages erinnern.

„Es war der 9.Oktober 1996…unser Unabhängigkeitstag. Wir haben Gerüchte gehört, dass die Rebellen kommen werden, Angst breitete sich aus. Jedes Mal, wenn wir dachten, sie kommen, liefen wir aus der Klasse, um uns im Gebüsch zu verstecken“, erinnert sie sich.

Und kamen die Rebellen tatsächlich. Sie griffen ihr Internat an und entführten 139 Mädchen. 109 von ihnen wurden nach unermüdlichem Bitten der Direktorin wieder frei gelassen, doch Grace war keine von ihnen. Sie war unter jenen 30 Gefangenen, die in den Südsudan verschleppt wurden, wo man sie folterte, vergewaltigte und zum Töten zwang.

„Zuerst habe ich mich nicht einmal getraut, irgendwen zu schlagen, weil ich Angst hatte, dass jemand verletzt wird“, sagt sie. „Als ich gezwungen wurde einen Menschen zu töten…das hat mich wirklich verändert. Es hatte psychische Auswirkungen. Zu sehen wie jemand leidet, weil er verstümmelt wird, ist das Schlimmste, was man erleben kann.“

Die Kinder wurden nicht zu Soldaten ausgebildet. Sie lernten nur, wie man Waffen zerlegt, putzt und zusammenbaut – und wurden in den Kampf gegen die südanesische People’s Liberation Army geschickt. „Es war das Überleben der Stärkeren“, erzählt Grace. „Du musstest mit der Waffe schießen, um Essen zu bekommen, du musstest an der Front kämpfen, um zu überleben. Die LRA sagte, Hunger und Durst würde uns alles beibringen.“

Die Schuld der Überlebenden

Nach sieben Monaten Gefangenschaft und Ausbeutung konnte Grace flüchten, als die LRA von Südsudanesischen Rebellen angegriffen wurde. Dorfbewohner aus der Region übergaben sie ugandischen Soldaten und bald darauf war sie wiedervereint mit ihrer Familie.

„Ich war es gewohnt, mich sehr zu isolieren…nicht weil ich Schmerzen litt – ich wurde geschlagen und sexuell missbraucht – sondern vor allem, weil ich meine Freunde zurückgelassen hatte. Ich hatte Schuldgefühle weil ich überlebt hatte. Ich hatte Schuldgefühle weil ich frei war, während meine Freunde immer noch bei den Rebellen waren“, erzählt sie.

Trotz der tiefen Wunden, die der Krieg bei ihr hinterlassen hatte, entschied sich Grace zurück zur Schule zu gehen – zur selben Schule, von der sie einst entführt worden war. Ihre Augen leuchten immer noch auf, wenn sie beschreibt, wie es war, wieder zurück zu gehen. „Die Schule war das Beste, das mir passiert ist. Ausbildung gibt Hoffnung. Ich hatte Hoffnung auf eine Zukunft.“

Hoffnung heilt

Es war die Hoffnung, die Grace geheilt hat. Sie gab ihr die Kraft, die Schule zu beenden und sich für die weitere Ausbildung an der Uganda Christian Universität zu inskribieren. Zwei Jahre später führte sie ihr Weg ans Gordon College in den USA; heute hat sie einen Master der Clark University im Fach "International Development and Social Change". Sie glaubt, dass Bildung von Krieg und Konflikt betroffene Kinder vor ihrer eigenen, schmerzhaften Vergangenheit schützen kann.

“Sogar Kinder, die mehr als 10 Jahre in Gefangenschaft lebten, können sich erholen, wenn sie die richtige Unterstützung und Ausbildung erhalten und deswegen von der Gesellschaft akzeptiert werden.”

Irgendwann werde ich um mich selbst weinen

Grace Akallo bei einer Diskussionsrunde über Mädchen als Opfer von Gewalt.
© UNICEF/NYHQ2013-0136/Markisz
Grace Akallo bei einer Diskussionsrunde über Mädchen als Opfer von Gewalt.

Als Gründerin von „United Africans for Women’s and Children’s Rights“ – einer NGO die sich für den Schutz von Frauen und Kinder einsetzt – ist Grace Akallo eine leidenschaftliche Verteidigerin von Frieden und eine Fürsprecherin der Kinder, die von bewaffneten Konflikten betroffen sind.

„Ich muss das Leben, das mir gegeben wurde, sinnvoll nutzen …nicht über das trauern, was mir passiert ist“, sagt sie. „Ich wurde unterstützt – ich ging zur Schule, und ich habe eine Familie, die mich unterstützt und die mich liebt. Aber was ist mit den Mädchen, die noch immer leiden? Sie werden noch immer geschlagen. Sie werden noch immer ausgestoßen. Sie haben noch immer kein Zuhause und keine familiäre Unterstützung oder Zugang zu Ressourcen oder Bildung oder medizinischer Versorgung. Gar nichts!“

In einem kürzlich herausgegebenen Bericht an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bestätigt der UN-Generalsekretär, dass die LRA nach wie vor zu den hartnäckigsten Gewalttätern gegen Kinder in dieser  Region zählt – und so einen Schatten auf das gesamte zentrale Afrika wirft. Zwischen Juli 2009 und Februar 2012 wurden fast 600 Kinder entführt und durch die LRA rekrutiert, vor allem in der Demokratischen Republik Kongo, aber auch in der Zentralafrikanischen Republik und im Südsudan. Entführte Mädchen werden zur Heirat mit Kämpfern gezwungen, und jene, die mit ihren Babys entkommen, werden von ihrem sozialen Umfeld stigmatisiert.

Mit 416.000 intern vertriebenen Personen und 26.000 Flüchtlingen aufgrund der LRA ist diese bewaffnete Gruppe bis heute eine ernstzunehmende Gefahr.

„Eines Tages vielleicht, wenn Frieden herrscht, werde ich mich hinsetzen und um mich selbst weinen,” sagt Grace. „Aber jetzt – Ich denke, was gerade passiert, muss gestoppt werden.“


Schluss mit Gewalt gegen Kinder

Ein junges Mädchen schaut verträumt aus einen verschlossenen Fenster in die Ferne. Draußen breitet sich ein grünes Land vor ihr aus.
© UNICEF/NYHQ2000-1004/Shehzad Noorani
Die damals 15jährige Yv wurde im Jahr 2000 in Kambodscha entführt und in die Prostitution verkauft.

Gewalt zerstört Kinder und ihre Kindheit. Wunden und Blutergüsse mögen verschwinden, seelische Narben meist nicht. Mach mit. Mach Unsichtbares sichtbar. Hilf uns, Gewalt gegen Kinder auszurotten.

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Gewalt gegen Kinder in Österreich

Puppen in einem zerstörten Haus in Syrien.
© UNICEF/NYHQ2012-0207/Romenzi
Puppen in einem zerstörten Haus in Syrien.

Gewalt gegen Kinder ist leider auch in Österreich ein viel zu häufiges Problem. Welche Gesetze hierzulande Gewalt verhindern sollen und wie man sich verhalten soll, wenn man Zeuge von Gewalt an Kindern wird, kann hier nachgelesen werden.

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Gewalt kennt viele Formen

Die 7jährige Lucila wurde von ihre Eltern im Stich gelassen und lebte danach 3 Jahre auf der Straße. Heute lebt sie in einem Heim für sexuell missbrauchte Kinder.
© UNICEF/NYHQ2012-1461/Dormino
Die 7jährige Lucila wurde von ihre Eltern im Stich gelassen und lebte danach 3 Jahre auf der Straße. Heute lebt sie in einem Heim für sexuell missbrauchte Kinder.

Gewalt ist überall und kennt viele Formen. Körperlich bzw. sexuell, Angriffe mit Waffen oder auf die Psyche, Gewalt in der Familie, der Schule und am Arbeitsplatz. Das Ausmaß und die Vielfältigkeit der Gewalt gegen Kinder ist erschreckend.

Hier findest du Zahlen und Fakten