Bedrohung für Schwangere und Babys durch überlastete Gesundheitssysteme während der COVID-19-Pandemie

New York/Wien - Im Zeitraum von neun Monaten seit Bekanntwerden der COVID-19-Pandemie werden 116 Millionen Geburten erwartet. UNICEF ruft dazu auf, lebensrettende Gesundheitsdienste für Schwangere und Neugeborene aufrechtzuerhalten.

Im Gesundheitszentrum von Port Bouet im Süden der Elfenbeinküste tragen die Krankenschwestern Masken und Handschuhe zum Schutz vor dem Coronavirus. 2020

Im Gesundheitszentrum von Port Bouet im Süden der Elfenbeinküste tragen die Krankenschwestern Masken und Handschuhe zum Schutz vor dem Coronavirus. 2020 © UNICEF

 

Schätzungsweise 116 Millionen Babys werden während der COVID-19-Pandemie auf die Welt kommen, sagt UNICEF heute vor dem Muttertag. Am 11. März wurde COVID-19 als Pandemie eingestuft. Diese belastet derzeit die Gesundheitssysteme und medizinischen Versorgungsketten auf der ganzen Welt.

Frisch gebackene Mütter und Neugeborene werden mit schwierigen Realitäten konfrontiert sein, so UNICEF: Globale Eindämmungsmaßnahmen wie Ausgangssperren, überlastete Gesundheitseinrichtungen, Versorgungs- und Ausrüstungsengpässe sowie ein Mangel an ausreichend qualifizierten GeburtshelferInnen, da Gesundheitspersonal, einschließlich Hebammen, zur Behandlung von COVID-19-PatientInnen benötigt werden.

„Millionen Mütter weltweit haben sich auf eine Reise der Elternschaft in eine Welt begeben, wie sie einmal war. Sie müssen sich jetzt darauf vorbereiten, ein Kind in eine Welt zu gebären, wie sie geworden ist - eine Welt, in der werdende Mütter Angst haben, in Gesundheitseinrichtungen zu gehen, weil sie befürchten, sich anzustecken oder aufgrund überlasteter Gesundheitsdienste und Abriegelungen auf eine Notfallversorgung verzichten", sagt Henrietta Fore, UNICEF-Exekutivdirektorin. Sie betont weiters: „Es ist schwer vorstellbar, wie sehr die Coronavirus-Pandemie die Mutterschaft verändert hat."

Im Vorfeld des Muttertages, der im Mai in über 128 Ländern stattfindet, warnt UNICEF davor, dass die COVID-19-Eindämmungsmaßnahmen lebensrettende Gesundheitsdienstleistungen wie die Geburtshilfe beeinträchtigen und Millionen schwangeren Frauen und ihre Babys einem großen Risiko aussetzen.

Länder mit den voraussichtlich höchsten Geburtenzahlen in den neun Monaten seit der Erklärung der Pandemie sind: Indien (20,1 Millionen), China (13,5 Millionen), Nigeria (6,4 Millionen), Pakistan (5 Millionen) und Indonesien (4 Millionen). In den meisten dieser Länder gab es bereits vor der Pandemie hohe Sterblichkeitsraten bei Neugeborenen, die sich bei COVID-19-Erkrankungen möglicherweise noch erhöhen werden.

Auch wohlhabendere Länder sind von dieser Krise betroffen. In den USA, wo die sechsthöchste Zahl an Geburten erwartet wird, werden zwischen dem 11. März und dem 16. Dezember voraussichtlich mehr als 3,3 Millionen Babys geboren werden. In New York suchen die Behörden nach alternativen Geburtseinrichtungen, da viele schwangere Frauen Angst haben, in Krankenhäusern zu entbinden. 

UNICEF warnt davor, dass, obwohl es Hinweise darauf gibt, dass Schwangere nicht stärker als andere von COVID-19 betroffen sind, die Länder sicherstellen müssen, dass sie weiterhin Zugang zu pränatalen, Geburts- und postnatalen Gesundheitsdiensten haben. Ebenso benötigen kranke Neugeborene Notfalldienste, da sie einem hohen Sterblichkeitsrisiko ausgesetzt sind. Junge Familien benötigen Unterstützung beim Stillen und Erhalt von Medikamenten, Impfstoffen und Nahrung, damit ihre Babys gesund bleiben.

Im Namen der Mütter auf der ganzen Welt appelliert UNICEF dringend an Regierungen und Gesundheitsdienstleister, in den kommenden Monaten Leben zu retten:

  • Unterstützung schwangerer Frauen bei Schwangerschaftsuntersuchungen, qualifizierte Geburtenhilfe, postnatale Betreuung und Pflege im Zusammenhang mit COVID-19 nach Bedarf;
  • Gewährleistung, dass das Gesundheitspersonal mit der erforderlichen persönlichen Schutzausrüstung ausgestattet ist und vorrangig getestet und geimpft wird, sobald ein COVID-19-Impfstoff zur Verfügung steht, damit allen Schwangeren und Neugeborenen während der Pandemie eine qualitativ hochwertige Versorgung geboten werden kann;
  • Gewährleistung, dass in den Gesundheitseinrichtungen während der Entbindung und unmittelbar danach alle Maßnahmen zur Prävention und Eindämmung der Infektion getroffen werden;
  • Zugang des Gesundheitspersonals zu schwangeren Frauen und Neugeborenen durch Hausbesuche; Ermutigung von Frauen, die in abgelegenen Gebieten leben, mütterliche Einrichtungen zu besuchen und Telekonsultationen zu nutzen;
  • Ausbildung, Schutz und Ausstattung des Gesundheitspersonals mit sauberen Geburtssets, um Hausgeburten zu begleiten, wenn die Gesundheitseinrichtungen geschlossen sind;
  • Ressourcen für lebensrettende Dienste und medizinische Ausstattung für die Gesundheit von Müttern und Kindern. 

Obwohl noch nicht bekannt ist, ob das Virus während der Schwangerschaft und der Entbindung von der Mutter auf ihr Baby übertragen wird, empfiehlt UNICEF allen schwangeren Frauen:

  • die Vorsichtsmaßnahmen zu befolgen, um sich vor dem Virus zu schützen, sich selbst genau auf Symptome von COVID-19 zu beobachten und sich bei Bedenken oder Symptomen von der nächstgelegenen Einrichtung beraten zu lassen;
  • die gleichen Vorsichtsmaßnahmen zur Vermeidung einer COVID-19-Infektion zu treffen wie andere Personen: physische Distanz, Zusammenkünfte vermeiden und Online-Gesundheitsdienste nutzen;
  • frühzeitig ärztliche Hilfe aufzusuchen, wenn sie in betroffenen oder gefährdeten Gebieten leben und Fieber, Husten oder Atembeschwerden haben;
  • ihr Baby auch dann weiter zu stillen, wenn sie infiziert sind oder eine Infektion vermuten, da das Virus nicht in Muttermilchproben gefunden wurde. Mütter mit COVID-19 sollten beim Stillen ihres Babys eine Maske tragen, sich vor und nach der Berührung des Babys die Hände waschen und die Oberflächen routinemäßig reinigen und desinfizieren;
  • das Neugeborene weiterhin zu tragen und körperliche Nähe zu praktizieren;
  • ihre Hebamme oder ihren Arzt fragen, wo sie sich am sichersten fühlen, um zu gebären, und einen Geburtsplan aufstellen, um Ängste abzubauen und sicherzustellen, dass sie rechtzeitig an den Ort kommen;
  • Fortsetzen der medizinischen Unterstützung, einschließlich Routineimpfungen, nach der Geburt des Kindes.

Schon vor der COVID-19-Pandemie starben jedes Jahr schätzungsweise 2,8 Millionen schwangere Frauen und Neugeborene, sprich alle 11 Sekunden eine. Die meisten von ihnen an vermeidbaren Ursachen. UNICEF fordert sofortige Investitionen in ausgebildetes Gesundheitspersonal und die Ausstattung mit Medikamenten, um sicherzustellen, dass jede Mutter und jedes Neugeborene von geschultem Personal betreut wird, um Komplikationen während der Schwangerschaft, der Entbindung und der Geburt zu verhindern und zu behandeln.

„Dies ist ein besonders ergreifender Muttertag, da viele Familien während der Coronavirus-Pandemie auseinandergerissen wurden", sagt Fore. „Aber es ist auch eine Zeit der Einheit, eine Zeit, in der alle in Solidarität zusammenkommen. Wir können helfen, Leben zu retten, indem wir dafür sorgen, dass jede werdende Mutter die Unterstützung erhält, die sie braucht, um in den kommenden Monaten sicher gebären zu können."

Weitere Informationen über die Arbeit von UNICEF im Kampf gegen das Coronavirus.

Für Redaktionen

Eine Auswahl an Videos und Fotos sowie Daten zu Geburten steht Redaktionen im Rahmen der Berichterstattung zum kostenfreien Download zur Verfügung.

Die Analyse basierte auf Daten aus den World Population Prospects 2019 der UN-Bevölkerungsabteilung. Eine durchschnittliche Vollzeit-Schwangerschaft dauert in der Regel ganze neun Monate oder 39 bis 40 Wochen. Für die Zwecke dieser Schätzung wurde die Zahl der Geburten für einen Zeitraum von 40 Wochen im Jahr 2020 berechnet. Der 40-Wochen-Zeitraum vom 11. März bis 16. Dezember wird in dieser Schätzung verwendet, die auf der Einschätzung der WHO vom 11. März basiert, dass COVID-19 als Pandemie charakterisiert werden kann.

Neue Leitlinien zur Behandlung von Schwangeren und Neugeborenen finden Sie hier.