COVID-19 fördert die Gefahr sozialer Stigmatisierung

Wien - UNICEF, die WHO und die IFRC haben einen Leitfaden zur Prävention und Bekämpfung sozialer Stigmatisierung im Zusammenhang mit COVID-19 herausgegeben. Eine überlegte Wortwahl, der richtige Umgang mit sozialen Medien und die Unterstützung durch Influencer können bei der Vermeidung sozialer Stigmatisierung einen großen Beitrag leisten.

Fakten, nicht Angst, werden die Ausbreitung des neuen Coronavirus stoppen. Die Art und Weise, wie kommuniziert wird, kann sozialer Stigmatisierung entgegenwirken.

Fakten, nicht Angst, werden die Ausbreitung des neuen Coronavirus stoppen. Die Art und Weise, wie kommuniziert wird, kann sozialer Stigmatisierung entgegenwirken. © UNICEF

Sozialer Stigmatisierung bedeutet im Zusammenhang mit Gesundheit eine negative Assoziation zwischen einer Person bzw. Personengruppe mit bestimmten Merkmalen und einer spezifischen Krankheit. Das kann dazu führen, dass Menschen abgestempelt, stereotypisiert, diskriminiert, ausgegrenzt werden und/oder einen Statusverlust erfahren. Besonders jetzt, wenn Kinder und Jugendliche in die Schule zurückkehren, ist es wichtig, auch im schulischen Umfeld sozialer Stigmatisierung vorzubeugen.

Der aktuelle Ausbruch von COVID-19 hat soziale Stigmatisierung und diskriminierendes Verhalten gegenüber Menschen mit bestimmten ethnischen Hintergründen sowie gegenüber Personen, die mit dem Virus in Kontakt gekommen sind, hervorgerufen.

Soziale Stigmatisierung kann sich negativ auf die Erkrankten selbst sowie auf ihre BetreuerInnen, ihre Familie, ihre FreundInnen und ihr gesamtes Umfeld auswirken. Auch Menschen, die nicht an der Krankheit leiden, aber andere Eigenschaften mit dieser Gruppe teilen, können unter Stigmatisierung leiden.

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Stigmatisierung und Angst im Zusammenhang mit übertragbaren Krankheiten die Maßnahmen zur Bekämpfung der Krankheit selbst erschweren. Was positiv wirkt, sind der Aufbau von Vertrauen in verlässliche Gesundheitsdienste und Beratung, Einfühlungsvermögen für Betroffene sowie das Ergreifen wirksamer, praktischer Maßnahmen. So können Menschen sich selbst und ihre Angehörigen schützen.

Die Art und Weise, wie wir über COVID-19 kommunizieren, ist entscheidend, um Stigmatisierung zu vermeiden. Der Leitfaden zur Prävention und Bekämpfung von sozialer Stigmatisierung1 richtet sich an Regierungen, Medien und lokale Organisationen, die sich mit der neuen Coronavirus-Krankheit (COVID-19) befassen und enthält praktische Hinweise für alle, damit erst gar keine negativen Assoziationen zu Personen, die an COVID-19 leiden, entstehen.

COVID-19 ruft soziale Stigmatisierung in hohem Grad hervor  

Die Neuartigkeit der Krankheit und die damit einhergehenden Unbekannten, Angst vor dem Unbekannten und die Leichtigkeit, diese Angst mit „anderen“ in Verbindung zu bringen, begünstigen Stigmatisierung und bestimmen das Ausmaß schädlicher Stereotypen.

Stigmatisierung kann sozialen Zusammenhalt untergraben und eine soziale Isolation von Gruppen auslösen. Schwerwiegendere Gesundheitsprobleme und Schwierigkeiten bei der Kontrolle eines Krankheitsausbruchs können dadurch verursacht werden – z.B., dass Menschen ihre Krankheit verbergen oder nicht sofort medizinische Versorgung in Anspruch nehmen.

Richtiger Umgang mit sozialer Stigmatisierung in der Kommunikation

Fehlinformationen und Gerüchte verbreiten sich „infodemisch“ – schneller als der aktuelle Ausbruch des neuen Coronavirus (COVID-19). Dies trägt zu negativen Auswirkungen wie Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen bei.

Falsche Vorstellungen, Gerüchte und Fehlinformationen erschweren die Bemühungen zur Bekämpfung.

Fakten, nicht Angst, werden die Ausbreitung von COVID-19 stoppen:

  • Fakten und genaue Informationen über die Krankheit weitergeben,
  • Mythen und Stereotype in Frage stellen,
  • Worte mit Bedacht einsetzen: Die Art und Weise, wie kommuniziert wird, kann die Einstellung anderer beeinflussen.

Um sozialer Stigmatisierung zu entgegnen und sie zu vermieden sind folgende Punkte hilfreich:

1. Die Wortwahl ist wichtig

Wenn man über die Coronavirus-Krankheit spricht, können bestimmte Wörter, wie z.B. Verdachtsfall, Isolation, etc., eine negative Bedeutung für Menschen haben und stigmatisierende Einstellungen schüren. Eine Sprache, die den Menschen an erste Stelle setzt und respektiert ist wichtig. Es gibt viele konkrete Beispiele dafür, wie die Verwendung einer inklusiven Sprache und einer weniger stigmatisierenden Terminologie bei der Kontrolle von Epidemien und Pandemien im Zusammenhang mit HIV, TB und der H1N1-Grippe helfen kann.2

Eine Auswahl an Dos and Don'ts, wenn über COVID-19 gesprochen wird:

DO: Sprechen Sie über die neue Coronavirus-Krankheit (COVID-19). DON’T: Verbinden Sie weder Orte noch ethnische Zugehörigkeit mit der Krankheit, es handelt sich nicht um ein „Wuhan-Virus", „chinesisches Virus" oder „asiatisches Virus".

DO: Sprechen Sie über Personen, die COVID-19 „haben" oder an COVID-19 „erkranken". DON’T: Reden Sie nicht von „COVID-19 Verdächtigen" oder „-Verdachtsfällen" bzw. „-Fällen“ oder „-Opfern".

DO: Sprechen Sie positiv und betonen Sie die Wirksamkeit von Präventions- und Behandlungsmaßnahmen. Für die meisten Menschen ist dies eine überwindbare Krankheit. DON’T: Betonen Sie weder das Negative noch bedrohliche Botschaften und befassen Sie sich auch selbst nicht lange damit.

2. Jede/r kann seinen Beitrag leisten

Regierungen, BürgerInnen, Medien, SchlüsselakteurInnen und Gemeinschaften spielen eine wichtige Rolle bei der Vermeidung und Beendigung der Stigmatisierung von Menschen. Jede/r kann aufmerksam und bedacht über soziale Medien und andere Plattformen kommunizieren und so positive Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der neuen Coronavirus-Krankheit unterstützen.

3. Handlungsmöglichkeiten gegen stigmatisierende Einstellungen

  • Fakten verbreiten: Soziale Medien sind nützlich, um eine große Anzahl von Menschen mit Gesundheitsinformationen zu relativ geringen Kosten zu erreichen.
  • Influencer4: Personen mit einer großen Reichweite wie z.B. prominente Persönlichkeiten können zum Nachdenken über Menschen, die stigmatisiert werden, anregen und  Botschaften gegen Stigmatisierung verstärken. Influencer müssen persönlich engagiert sein und geographisch sowie kulturell dem Publikum, das sie beeinflussen möchten, entsprechen.
  • Stimmen verstärken: Heben Sie die Stimmen, Geschichten und Bilder der lokalen Bevölkerung, die das neue Coronavirus (COVID-19) erlebt und sich erholt haben oder die einen geliebten Menschen bei der Genesung unterstützt haben, hervor. Außerdem sollen „HeldInnen" vor den Vorhang geholt werden, um z.B. PflegerInnen und medizinisches Personal zu ehren.
  • Unterschiedliche ethnische Gruppen portraitieren: Stellen Sie sicher, dass Sie bei Ihren Maßnahmen und Materialien aufzeigen, dass alle Menschen betroffen sind.

Weitere Informationen über die Arbeit von UNICEF im Kampf gegen das Coronavirus.

Für Redaktionen

1 Diese Checkliste enthält Empfehlungen des Johns Hopkins Center für Kommunikationsprogramme, READY Network.

2 UNAIDS-Terminologie-Richtlinien: von „AIDS-Opfern" zu "Menschen, die mit HIV leben"; von „Kampf gegen AIDS" zu „Antwort auf AIDS".

3 Nigeria konnte den Ebola-Ausbruch im Jahr 2014 erfolgreich eindämmen. Dies gelang unter anderem durch den Einsatz gezielter Kampagnen in sozialen Medien, um korrekte Informationen zu verbreiten und um auf Twitter und Facebook verbreitete Falschmeldungen zu korrigieren. Die Intervention war besonders effektiv, weil internationale Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Influencer auf sozialen Medien, Prominente und Blogger ihre reichweitenstarken Plattformen nutzten, um Informationen und Meinungen weiterzuleiten. Fayoyin, A. 2016. Einsatz von sozialen Medien für die Gesundheitskommunikation in Afrika: Ansätze, Ergebnisse und Lehren. Zeitschrift für Massenkommunikation und Journalismus, 6(315).

4 Der Begriff "Angelina Jolie-Effekt" wurde von ForscherInnen im Bereich der öffentlichen Gesundheitskommunikation geprägt, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die Schauspielerin Angelina Jolie sich nach 2013 mehrere Jahre lang einer viel berichteten präventiven doppelten Mastektomie unterzog und im Internet vermehrt über die Genetik und Tests von Brustkrebs recherchiert wurde.  Der „Effekt" deutet darauf hin, dass prominente BefürworterInnen als vertrauenswürdige Quellen die Öffentlichkeit wirksam beeinflussen können, nach Gesundheitswissen zu suchen, sowie ihre Einstellung zu und die Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten für Covid-19.

Das gesamte Dokument „A guide to preventing and addressing social stigma” finden Sie auf Deutsch hier.