Explosion in Beirut: UNICEF-Nothelferin Rahel Vetsch berichtet über die Situation im Libanon

Beirut/Zürich/Wien - „Bei vielen Familien herrscht pure Verzweiflung.“

UNICEF-Nothelferin Rahel Vetsch vor ihrem Zuhause, das bei der Explosion ebenfalls beschädigt wurde.

UNICEF-Nothelferin Rahel Vetsch vor ihrem Zuhause, das bei der Explosion ebenfalls beschädigt wurde. © UNICEF

Nach der verheerenden Explosion in Beirut wird das Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher. UNICEF-Nothelferin Rahel Vetsch ist in Beirut im Einsatz. Im Interview schildert die Schweizerin ihre Eindrücke vom Unglücksort und erzählt, wie Kindern und ihren Familien im Libanon jetzt geholfen wird.

Wie haben Sie die vergangenen Tage im Libanon erlebt?

Vetsch: Ich kann noch immer nicht fassen, was hier passiert ist, und ich glaube, das geht vielen so. Das Ausmaß dieser Katastrophe ist enorm. Im Zentrum der Stadt, in der Nähe des Hafens, sieht es aus wie in einem Kriegsgebiet. Die wunderschönen alten Häuser, die das Stadtbild geprägt haben, liegen in Trümmern. Die Straßen sind voller Glassplitter. Autos, die dort geparkt waren, sind zerstört. Ich weiß von Kindern, die während der Explosion allein zu Hause waren, von Familien, die ihre Angehörigen nicht erreichen konnten. Plötzlich gab es diese enorme Explosion, von der niemand wusste, was es war. Viele dachten zuerst an einem Anschlag. Die Unsicherheit und Unwissenheit waren groß. Dass nicht mehr Menschen gestorben sind, grenzt für mich an ein Wunder.

Wie ist die Situation jetzt?

Vetsch: Bei vielen Familien herrscht pure Verzweiflung. Die wirtschaftliche Situation wurde in den vergangenen Monaten ohnehin immer schwieriger. Viele haben ihren Job verloren, das libanesische Pfund hat durch die Bankenkrise stark an Wert verloren und die Höchstsumme, die sie vom eigenen Bankkonto abheben können, liegt bei 100 US-Dollar pro Woche. Durch die Explosion wurden viele Häuser so sehr beschädigt, dass dringende Reparaturen nötig sind. Viele Menschen, die sich hier etwas aufgebaut haben, können sich das nicht leisten. Ihnen droht, dass sie alles verlieren.

Welche Auswirkungen hat die Explosion auf Kinder in Beirut und im Libanon?

Vetsch: Wir schätzen, dass mindestens 80.000 Kinder direkt von den Auswirkungen dieser Katastrophe betroffen sind. Viele sind verletzt, traumatisiert, Familien haben ihr Zuhause verloren. Sie sind bei Verwandten untergekommen oder in Notunterkünften. Viele bleiben aber auch in den beschädigten Wohnungen.

Wie hat UNICEF unmittelbar nach dem Unglück reagiert?

Vetsch: Zuallererst haben wir sichergestellt, dass unser Team wohlauf ist. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen wohnen im am stärksten betroffenen Stadtteil und leider wurden einige verletzt oder haben gar Familienmitglieder verloren. Viele sind geschockt und müssen die Geschehnisse erst einmal verarbeiten.

Noch am Abend der Explosion haben Kolleginnen den Transfer von Impfdosen und Medikamenten aus schwer beschädigten Kühlkammern in noch funktionierende Kammern eines Warenlagers des Gesundheitsministeriums organisiert, um die Kühlkette sicherzustellen. 90 Prozent der Impfstoffe konnten so zum Glück gerettet werden. Wir unterstützten nun die Familienzusammenführung, bieten Hilfe über ein Nottelefon sowie psychosoziale Betreuung an. Familien, die in Notunterkünften wohnen, haben wir mit Wasser, Hygiene- und COVID-19-Sets versorgt, die unter anderem Seife, Zahnbürsten oder Masken enthalten.

Und wir haben uns bereits ein Bild davon gemacht, wie sehr das Wassernetzwerk, Gesundheitszentren und Schulen in der Umgebung betroffen sind. Nach jetzigem Stand müssen zwölf Gesundheitszentren, die bis zu 120.000 Personen dienen, und 120 öffentliche Schulen repariert werden.

Wie geht die Hilfe in den kommenden Tagen weiter?

Vetsch: Neben gesundheitlicher und psychosozialer Betreuung wird der Kinderschutz in den kommenden Wochen und Monaten von besonderer Bedeutung sein. Viele Familien werden jetzt noch stärker von Armut betroffen sein, was zur Folge haben kann, dass beim Essen gespart wird oder Kinder arbeiten gehen müssen, um ihre Eltern zu unterstützen. Dem müssen wir entgegenwirken. Zudem mobilisieren wir Jugendliche, die beim Aufräumen helfen, Essen zubereiten und verteilen und die Wasserbehörde bei der Wiederherstellung der Infrastruktur unterstützen. Gemeinsam mit unseren Partnern verschaffen wir uns jetzt einen genauen Überblick, wo Hilfe dringend nötig ist.

Was werden weitere große Herausforderungen sein?

Vetsch: Bislang haben wir im Libanon von einer dreifachen Krise gesprochen: Seit 2011 gibt es eine Flüchtlingskrise, seit Anfang dieses Jahres hat sich die Wirtschafts- und Bankenkrise immer weiter zuspitzt und seit Februar gibt es nun die COVID-19-Krise. Jetzt kommen die Folgen der Explosion noch hinzu.
Insbesondere die COVID-19-Krise wird sich wohl verschärfen. Tausende Verletzte sind nach der Explosion in die Krankenhäuser gekommen, viele ohne Masken, daran denkst du in einer solchen Situation nicht. Die Zahl der COVID-19-Fälle ist in den Wochen vor dem Unglück extrem gestiegen und wir müssen damit rechnen, dass die Fallzahlen nun noch weiter ansteigen. Dabei waren die Krankenhäuser ohnehin schon ausgelastet und das Personal war bereits am Anschlag. Das Krankenhaus, in dem ein Großteil der COVID-19-Tests gemacht wurde, ist durch die Explosion komplett zerstört worden. Und im Hafen wurde eine ganze Ladung Schutzausrüstung vernichtet.

Gibt es etwas, dass Ihnen in den vergangenen Tagen Mut gemacht hat?

Vetsch: Ich erlebe hier eine enorme Solidarität. Als ich heute durch die Stadt gefahren bin, habe ich viele Menschen mit Maske und Besen gesehen. Viele davon wohnen nicht in den betroffenen Gebieten, aber sie kommen, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Viele Menschen haben Übernachtungsplätze angeboten, andere reparieren Autos zum Preis der Materialkosten. Menschen, die einander vorher nicht kannten, tauschen sich nun auf der Straße aus und wünschen alles Gute. Auch auf internationaler Ebene ist die bereits zugesprochene Unterstützung groß und wird extrem geschätzt. Es herrscht eine große Verzweiflung, aber es gibt eben auch diese Solidarität.