Kinderarmut in reichen Ländern wird mindestens fünf Jahre lang höher sein als vor COVID

Florenz/New York/Wien - In Ländern mit hohem Einkommen wurden während der ersten Welle von COVID-19 nur zwei Prozent der Finanzhilfen speziell für die Unterstützung von Kindern bereitgestellt. Eine bessere Verteilung der Ausgaben zur direkten Unterstützung von Kindern ist dringend erforderlich.

In einem Hof eines Kindergartens in der Stadt Bergamo sind Spielzeuge an ein Geländer gekettet. In Italien sind Kindergärten, Schulen und viele andere Aktivitäten geschlossen. April 2020

In einem Hof eines Kindergartens in der Stadt Bergamo sind Spielzeuge an ein Geländer gekettet. In Italien sind Kindergärten, Schulen und viele andere Aktivitäten geschlossen. April 2020 © UNICEF

 

Laut dem jüngsten Bericht erwartet UNICEF, dass die Kinderarmut in einkommensstarken Ländern für mindestens die nächsten fünf Jahre höher sein wird als noch vor der Corona-Krise. Nur zwei Prozent der von Regierungen in den OECD- und EU-Ländern bereitgestellten Finanzhilfen wurden während der ersten Welle zur Unterstützung von Kindern und Familien bereitgestellt.

Der Bericht „Supporting Families and Children Beyond COVID-19: Social Protection in High Income Countries“ von dem UNICEF-Forschungsbüro Innocenti untersucht, wie sich die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie vermutlich auf Kinder auswirken werden, die ersten Reaktionen der Regierungen auf die Krise und wie zukünftig öffentliche Maßnahmen optimiert werden könnten, um Kinder besser zu unterstützen.

„Die finanzielle Unterstützung, die direkt an Kinder und Familien fließt, entspricht weder den schwerwiegenden Folgen der Pandemie noch wird sie der voraussichtlichen Dauer der Auswirkungen dieser Krise auf diese Länder gerecht“, sagt Gunilla Olsson, Direktorin des UNICEF-Forschungsbüros Innocenti.

Von Februar bis Ende Juli 2020 gaben die Länder mit hohem Einkommen historische 10,8 Billionen USD für COVID-19-Reaktionen aus. Davon wurden rund 90 Prozent für fiskalische Konjunkturpakete verwendet, die an Unternehmen gerichtet waren, so der Bericht. Unweigerlich werden die am stärksten benachteiligten Kinder und ihre Familien in der Gesellschaft ausgeschlossen. Das bedeutet, dass die Ärmsten am härtesten getroffen werden. „Während die zweite Welle von COVID-19 weiter Fahrt aufnimmt, muss ein besseres Gleichgewicht gesucht werden", so Olsson.

Anlässlich der ersten Pandemiewelle haben etwa ein Drittel der im Bericht einbezogenen OECD- und EU-Länder keine Maßnahmen getroffen, um Kinder zu unterstützen. Und jene Maßnahmen von Staaten, die entsprechende Gelder bereitgestellt hatten, dauerten im Durchschnitt lediglich drei Monate. Der kurzfristige Charakter ist indes völlig unzureichend, um der prognostizierten Dauer der Krise und den Risiken der Kinderarmut auf lange Sicht zu begegnen, stellt der Bericht fest.
 
Der Bericht enthält Richtlinien, die dabei helfen sollen, ein besseres Gleichgewicht zwischen der notwendigen Unterstützung von Familien und deren Kindern sowie von Unternehmen zu finden. Außerdem beinhaltet der Report entsprechende Strategien zum Schutz von Kindern und Familien vor weiteren Auswirkungen, wenn die zweite Welle von COVID-19 weiter anhält:

  • Die öffentlichen und privaten Ausgaben im Zusammenhang mit den sich verschlechternden Lebensbedingungen der Bevölkerung werden lange anhalten. Und sie werden teuer sein, da im Laufe der Zeit eine größere Nachfrage nach intensiveren sozialen Maßnahmen nötig sein wird.
  • Die Voraussetzungen zur Förderung von familienpolitischen Maßnahmen sollten gelockert werden. Darin inbegriffen sind die Arbeitsbedingungen, die Sozialleistungen und der Aufenthaltsstatus. Damit sollen allen betroffenen Familien mit Kindern der Zugang zu staatlichen Leistungen ermöglicht werden. Darunter fallen die Arbeitslosen-Haushalte, die armutsgefährdete Bevölkerung sowie Migrant*innen, die jüngst zugewandert sind.
  • Die Maßnahmen des Sozialschutzes sollen ausgeweitet werden, um das gesamte Spektrum der Bedürfnisse von Kindern und ihren Familien während COVID-19 abzudecken. Darunter fallen Einkommenszuschüsse, Kostenbeteiligung bei der Verpflegung in Schulen, für die Kinderbetreuung sowie Kosten für Gesundheitspflege und ein Verzicht auf Miet- oder Hypothekarzinse.
  • Wenn die Länder auf eine Zeit nach COVID-19 blicken, müssen sie sicherstellen, eine integrative Familienpolitik in den Mittelpunkt der Maßnahmen zur Wiederbelebung der Pandemiefolgen zu stellen. Diese Maßnahmen müssen darauf ausgerichtet sein, Kinder vor Armut zu schützen und das Wohlergehen aller Kinder zu verbessern.
  • Die Unterstützung von Unternehmen kann auch Bedingungen umfassen, die darauf abzielen, familienfreundliche Investitionen dieser öffentlichen Mittel zu fördern – wie etwa die Regelung von Ferien – und Arbeitsbedingungen für Eltern. Solche Optionen wurden bisher in den Konjunkturpaketen nicht ausreichend genutzt.
  • Die bestehenden Hilfen und Dienstleistungen für Kinder und Familien sind vor Sparmaßnahmen zu schützen. Denn es ist bekannt, dass diese Gewalt, Obdachlosigkeit, schlechte Gesundheit und die Heimunterbringung von Kindern verstärken.
  • Schließlich ist auf die Langfristigkeit der Maßnahmen zu achten. Einerseits sind die Sozialschutzsysteme zu stärken. Andererseits gilt es eine Kinder- und Familienpolitik zu betreiben, die Armut verhindert. Nur so können Fortschritte bei der Verwirklichung der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG’s) erzielt und die Widerstandsfähigkeit gegen künftige Schocks erhöht werden.

Für Redaktionen

Über UNICEF Innocenti
Das Office of Research - Innocenti ist das spezielle Forschungszentrum von UNICEF. Es führt Forschungen zu neuen oder aktuellen Themen durch, um die strategische Ausrichtung, die Politik und die Programme von UNICEF und seinen Partnern zu unterstützen, globale Debatten über Kinderrechte und Entwicklung zu gestalten und die globale Forschungs- und Politikagenda für alle Kinder, insbesondere für die am meisten gefährdeten, zu formulieren.

Den gesamten Report in Englisch finden Sie hier. (Der Bericht enthält Zahlen zu Österreich.)