Kindersterblichkeit: COVID-19 könnte den jahrzehntelangen Fortschritt zunichtemachen

New York/Genf/Wien - Aktueller Report 2020 zur Kindersterblichkeit: Die Zahl der Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren mit 5,2 Millionen war im Jahr 2019 auf einem historischen Tiefstand. Die Unterbrechungen der Gesundheitsdienste für Kinder und Mütter aufgrund der COVID-19-Pandemie gefährden Millionen Menschenleben.

Die drei Monate alte Zuka wird in der Dayr-Hafir-Klinik, die von UNICEF errichtet wurde, geimpft. Die Klinik dient als provisorische Alternative für das stationäre Gesundheitszentrum, das derzeit im östlichen Aleppo saniert wird. Syrien Juni 2020

Die drei Monate alte Zuka wird in der Dayr-Hafir-Klinik, die von UNICEF errichtet wurde, geimpft. Die Klinik dient als provisorische Alternative für das stationäre Gesundheitszentrum, das derzeit im östlichen Aleppo saniert wird. Syrien Juni 2020 © UNICEF

 

Die Zahl der weltweiten Todesfälle unter fünf Jahren ist im Jahr 2019 auf den niedrigsten Rekordtiefststand gesunken – von 12,5 Millionen im Jahr 1990 auf 5,2 Millionen. Dies geht aus neuen Sterblichkeitsschätzungen hervor, die von UNICEF, der WHO, der Abteilung für Bevölkerungsfragen der UN DESA (Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen) und der Weltbankgruppe veröffentlicht wurden.

Seither haben Umfragen von UNICEF und der WHO jedoch ergeben, dass die COVID-19-Pandemie zu größeren Unterbrechungen der Gesundheitsdienste geführt hat. Diese drohen Jahrzehnte hart erkämpfter Fortschritte zunichtezumachen.

„Die Weltgemeinschaft ist bei der Beseitigung vermeidbarer Kindersterblichkeit zu weit gekommen, als dass die COVID-19-Pandemie uns aufhalten darf", sagt Henrietta Fore, UNICEF-Exekutivdirektorin. „Wenn Kindern der Zugang zu Gesundheitsdiensten verweigert wird, weil das System überlastet ist, und wenn Frauen aus Angst vor einer Infektion nicht im Krankenhaus entbinden, können auch sie Opfer von COVID-19 werden. Ohne dringende Investitionen zur Wiederinbetriebnahme der überlasteten Gesundheitssysteme und -dienste könnten Millionen Kinder unter fünf Jahren, insbesondere Neugeborene, sterben."

In den letzten 30 Jahren haben Gesundheitsdienste zur Prävention oder Behandlung von Todesursachen bei Kindern wie Frühgeburt, niedriges Geburtsgewicht, Komplikationen bei der Geburt, Neugeborenen-Sepsis, Lungenentzündung, Durchfall und Malaria sowie Impfungen eine große Rolle bei der Rettung von Millionen Leben gespielt.

Nun erleben Länder weltweit Unterbrechungen in der Gesundheitsversorgung von Kindern und Müttern, wie z.B. Gesundheitsuntersuchungen, Impfungen sowie prä- und postnatale Betreuung. Grund dafür sind Ressourcenknappheit und Angst bei der Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten an COVID-19 zu erkranken.

Eine UNICEF-Umfrage, die im Laufe des Sommers in 77 Ländern durchgeführt wurde, ergab, dass fast 68 Prozent der Länder über zumindest einige Unterbrechungen bei Gesundheitskontrollen für Kinder und Impfdiensten berichteten. Darüber hinaus berichteten 63 Prozent der Länder über Beeinträchtigung bei Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere und 59 Prozent bei der postnatalen Versorgung.

Eine kürzlich durchgeführte WHO-Umfrage, die auf Angaben aus 105 Ländern basiert, ergab, dass 52 Prozent der Länder Unterbrechungen bei der Gesundheitsversorgung für kranke Kinder und 51 Prozent bei der Behandlung von Mangelernährung meldeten.

Gesundheitsinterventionen wie diese sind entscheidend, um vermeidbare Todesfälle bei Neugeborenen und Kindern zu verhindern. Frauen, die von professionellen, nach internationalen Standards ausgebildeten Hebammen betreut werden, verlieren laut WHO beispielsweise 16 Prozent seltener ihr Kind und erleben 24 Prozent seltener eine Frühgeburt.

„Die Tatsache, dass heute mehr Kinder ihren ersten Geburtstag erleben als jemals zuvor in der Geschichte, ist ein wahres Zeichen dafür, was erreicht werden kann, wenn die Welt Gesundheit und Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellt", sagt der WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. „[…] Vielmehr ist es an der Zeit, das, von dem wir wissen, dass es funktioniert, zu nutzen, um Leben zu retten und weiter in stärkere, widerstandsfähige Gesundheitssysteme zu investieren."

Basierend auf den Antworten der Länder, die an den Umfragen von UNICEF und der WHO teilgenommen haben, wurden als Gründe für Unterbrechungen im Gesundheitswesen am häufigsten genannt: Eltern, die Gesundheitszentren aus Angst vor Infektionen meiden; Transportbeschränkungen; Aussetzung oder Schließung von Diensten und Einrichtungen; weniger Beschäftigte im Gesundheitswesen aufgrund von Umverteilung oder Angst vor Infektionen wegen eines Mangels an persönlicher Schutzausrüstung wie Masken und Handschuhen; und größere finanzielle Schwierigkeiten. Afghanistan, Bolivien, Kamerun, die Zentralafrikanische Republik, Libyen, Madagaskar, Pakistan, Sudan und Jemen gehören zu den am stärksten betroffenen Ländern.

Sieben der neun Länder hatten 2019 eine hohe Kindersterblichkeitsrate von mehr als 50 Todesfällen pro 1.000 Lebendgeburten bei Kindern unter fünf Jahren. In Afghanistan, wo 2019 eines von 17 Kindern starb, bevor sie fünf Jahre alt wurden, berichtete das Gesundheitsministerium über einen deutlichen Rückgang der Besuche in Gesundheitseinrichtungen. Aus Angst davor, sich mit dem COVID-19-Virus anzustecken, räumen die Familien der prä- und postnatalen Betreuung weniger Priorität ein. Dies erhöht das Risiko für Schwangere und Neugeborene.

Schon vor COVID-19 hatten Neugeborene das höchste Sterberisiko. Im Jahr 2019 starb alle 13 Sekunden ein Neugeborenes. Darüber hinaus traten 47 Prozent aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren in der Neugeborenenphase auf, gegenüber 40 Prozent im Jahr 1990. Bei schwerwiegenden Störungen der grundlegenden Gesundheitsdienste könnten Neugeborene einem viel höheren Sterberisiko ausgesetzt sein. In Kamerun zum Beispiel, wo 2019 eines von 38 Neugeborenen starb, berichtete die UNICEF-Umfrage von schätzungsweise 75 Prozent Unterbrechungen bei der lebenswichtigen Neugeborenenversorgung, den Vorsorgeuntersuchungen, der geburtshilflichen Versorgung und der postnatalen Pflege.

Im Mai zeigte eine erste Modellierung der Johns Hopkins University, dass fast 6.000 zusätzliche Kinder pro Tag aufgrund von Unterbrechungen aufgrund von COVID-19 sterben könnten.

Diese Berichte und Umfragen machen deutlich, dass dringend Maßnahmen zur Wiederherstellung und Verbesserung der Geburtshilfe sowie der prä- und postnatalen Versorgung von Müttern und Babys erforderlich sind, einschließlich der Bereitstellung von qualifiziertem Gesundheitspersonal für die Betreuung von Müttern und Babys bei der Geburt. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit den Eltern, um ihre Ängste zu schmälern und sie zu beruhigen.

Für Redaktionen

Der gesamte Report steht in Englisch hier zur Verfügung.

Eine Auswahl an Videos und Fotos steht Redaktionen im Rahmen der Berichterstattung zum kostenfreien Download zur Verfügung.

Über UN IGME

Die Inter-agency Group for Child Mortality Estimation der Vereinten Nationen oder UN IGME wurde 2004 gegründet, um Daten zur Kindersterblichkeit auszutauschen, die Methoden zur Schätzung der Kindersterblichkeit zu verbessern, über Fortschritte bei der Erreichung der Überlebensziele für Kinder zu berichten und die Fähigkeit der Länder zu verbessern, zeitnahe und korrekt bewertete Schätzungen der Kindersterblichkeit zu erstellen. UN IGME wird von UNICEF geleitet und umfasst die Weltgesundheitsorganisation, die Weltbankgruppe und die Abteilung für Bevölkerungsfragen der UN DESA. Für weitere Informationen besuchen Sie: http://www.childmortality.org/