Statements der UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore zur humanitären Lage im Jemen

New York/Wien - Statements der UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore bei der gemeinsamen Pressekonferenz zur humanitären Lage im Jemen

UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore im kinderfreundlichen Raum des Alqatee'a-Gesundheitszentrums in Aden, 25. Juni 2018, Jemen

UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore im kinderfreundlichen Raum des Alqatee'a-Gesundheitszentrums in Aden, 25. Juni 2018, Jemen © UNICEF

„COVID-19 stellt in beinahe jedem Land eine Krise dar. Aber nur sehr wenige Länder sind mit noch verheerenderen Auswirkungen konfrontiert als der Jemen.

Gewalt und Instabilität sind im Jemen tägliche Realität. Schulen und Krankenhäuser sind angegriffen worden. Die Nahrungsmittelversorgung und Wassersysteme sind kaum noch intakt. Die Wirtschaft befindet sich im freien Fall.

Schon vor der COVID-19-Pandemie war der Jemen ein Land, das von einer verheerenden Lage betroffen war. Chronische Unterentwicklung und fünf Jahre Krieg haben zu einer massiven humanitären Katastrophe geführt.

Mehr als 12 Millionen Kinder im gesamten Jemen benötigen humanitäre Hilfe.

Fast eine halbe Million Kinder müssen aufgrund schwerer akuter Mangelernährung behandelt werden und könnten sterben, wenn sie nicht dringend versorgt werden.

Seit Beginn des Konflikts vor fünf Jahren wurden mehr als 8.600 Kinder entweder getötet oder verletzt.
3.500 Kinder wurden laut von der UNO verifizierten Daten in den Konflikt rekrutiert.

Bereits vor COVID-19 erhielten zwei Millionen Kinder keine Schulbildung. Jetzt sind wegen der Pandemie landesweit Schulen geschlossen worden, so dass weitere fünf Millionen Kinder keine Schule besuchen können. Und wir wissen, dass in Ländern, die von Armut und Konflikten heimgesucht werden, die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr zum Unterricht umso geringer ist, je länger die Kinder nicht in die Schule gehen.

Cholera und Durchfall sind nach wie vor eine allgegenwärtige Bedrohung, weil Kinder und Familien nicht über sauberes Wasser, angemessene Abwassersysteme und Hygienevorräte verfügen.

Millionen Menschen haben keine Möglichkeiten zum Händewaschen oder können sich nicht körperlich distanzieren. Diese Maßnahmen sind beide aber unerlässlich, um die Ausbreitung von Krankheiten zu stoppen.

Flug- und Schiffshäfen sind geschlossen. Das macht es extrem schwierig, lebensrettende Hilfsgüter ins Land zu bringen.

Der Jemen steht mit der Ausbreitung von COVID-19 im ganzen Land nun einer dreifachen Katastrophe gegenüber: Konflikte, Coronaviren und eine kriselnde Wirtschaft.

Und wie immer sind es die Kinder, die als erste und am meisten leiden.

Obwohl die Routineimpfungen fortgesetzt werden, hat die Pandemie die Impfkampagnen auf Eis gelegt. Diese Kampagnen waren für uns entscheidend, um die Durchimpfungsrate zu erhöhen – insbesondere angesichts des beinahen Zusammenbruchs des Gesundheitssystems. Jetzt, da diese Kampagnen ausgesetzt sind, werden fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren nicht gegen Polio geimpft werden. 1,7 Millionen Kinder werden nicht gegen Diphtherie geimpft werden. 2,4 Millionen Kinder werden nicht gegen Cholera geimpft werden. Über 400.000 Frauen im gebärfähigen Alter werden nicht gegen Tetanus geimpft werden.

Wir haben es mit einer Krise zuzüglich zu einer bestehenden Krise zu tun – einer Pandemie zuzüglich zu einem brutalen Konflikt – aber wir bleiben und versorgen die Kinder im Jemen auch weiterhin.

Wir haben 16 Millionen Menschen mit Informationen darüber erreicht, wie sie sich vor COVID-19 schützen können, indem wir Fernsehen, Radio und soziale Medien nutzen und unser Netzwerk von Freiwilligen, die von Tür zu Tür gehen.

Wir unterstützen Gesundheitseinrichtungen und Krankenhäuser und stellen Gemeinden in Not sauberes Wasser und Hygienesets zur Verfügung.

Darüber hinaus arbeiten wir rund um die Uhr daran, lebenswichtige Hilfsgüter – einschließlich persönlicher Schutzausrüstung – zu beschaffen, um die Sicherheit der Beschäftigten im Gesundheits- und Ernährungswesen zu gewährleisten.

Aber wenn wir uns gegen COVID-19 wehren, müssen wir auch weiterhin auf die anderen wesentlichen Bedürfnisse der Kinder eingehen: Wir müssen diejenigen behandeln, die schwer mangelernährt sind, Impfstoffe liefern, sie vor Gewalt und Ausbeutung schützen und dafür sorgen, dass sie ihre Ausbildung nicht versäumen.

Aber wir brauchen mehr Hilfe.

Am 2. Juni veranstalten die UNO und das Königreich Saudi-Arabien eine virtuelle Spendenveranstaltung, um angesichts dieser Krise Alarm zu schlagen. Wir brauchen Spender*innen, die ihre finanzielle Unterstützung in unsere lebensrettende Arbeit intensivieren.

Wir brauchen auch Zugang zu humanitärer Hilfe, um die Kinder und Familien zu erreichen, deren Leben auf dem Spiel steht.

Und vor allem brauchen wir Frieden. Die Kinder im Jemen brauchen ein Ende der Kämpfe.

Wir erneuern unseren Aufruf an alle Konfliktparteien im ganzen Land, ihre Waffen niederzulegen und eine umfassende Friedenslösung auszuverhandeln. Wir rufen sie dazu auf, echte Führungsstärke zu zeigen und das Wohlergehen der jemenitischen Kinder an die erste Stelle zu setzen.

Heute bringt die Pandemie den Jemen noch näher an den Rand des Zusammenbruchs. UNICEF steht an der Seite der Kinder im Jemen und wir rufen unsere globalen Partner dazu auf, das Gleiche zu tun.“

Mehr Informationen über die UNICEF Nothilfe im Jemen finden Sie hier.

Weitere Informationen über die Arbeit von UNICEF im Kampf gegen das Coronavirus.