Libanon: Kinder lesen und spielen in einer Notunterkunft.

Aufgrund der eskalierenden Gewalt sind innerhalb von drei Wochen 20 Prozent der libanesischen Bevölkerung auf der Flucht. Dies ist eine Zusammenfassung der Ausführungen des UNICEF‑Vertreters im Libanon, Marcoluigi Corsi – dem der zitierte Text zugeschrieben werden kann – bei der heutigen Pressekonferenz im Palais des Nations in Genf.

Beirut/Wien – „Innerhalb von nur drei Wochen wurden mehr als 370.000 Kinder im Libanon aus ihren Häusern vertrieben – im Durchschnitt mindestens 19.000 Mädchen und Buben jeden einzelnen Tag. Um sich das Ausmaß vorzustellen: Das entspricht täglich Hunderten von Schulbussen voller Kinder, die um ihr Leben fliehen.

In weniger als einem Monat wurden rund 20 Prozent der libanesischen Bevölkerung vertrieben. Das Tempo und das Ausmaß sind erschütternd. Landesweit sind nun mehr als eine Million Menschen auf der Flucht – viele von ihnen zum zweiten, dritten oder sogar vierten Mal. Dies ist eine plötzliche, chaotische Massenvertreibung, die Familien auseinanderreißt und ganze Gemeinden auslöscht – mit Folgen, die noch lange nach dem Verstummen der Gewalt nachhallen werden.

Die mentale und emotionale Erschöpfung, die auf den Kindern im Libanon lastet, ist verheerend. Ohne einen einzigen Moment, um sich von den Traumata der letzten Eskalation vor nur 15 Monaten zu erholen, werden sie erneut gewaltsam vertrieben. Dieser unaufhörliche Kreislauf aus Bombardierungen und Vertreibung verschärft ihre psychischen Narben massiv, verankert tief sitzende Ängste und droht langfristige emotionale Schäden zu verursachen.

In einer Unterkunft in Beirut traf ich die 11‑jährige Zeinab, die mit ihrer Familie aus den südlichen Vororten Beiruts in dieselbe Schule geflohen war, in der sie bereits vor 18 Monaten Zuflucht gefunden hatten. Sie erzählte mir, sie hätte nie gedacht, dass sie diese Tage erneut erleben müsse –unter vielen anderen Menschen zu schlafen und beinahe jede Nacht das Dröhnen von Beschuss und Bomben zu hören. Sie wünscht sich einfach nur, nach Hause zurückzukehren, wieder in die Schule zu gehen und ihr normales Leben zurückzubekommen.

Derzeit suchen über 135.000 Binnenvertriebene in mehr als 660 Gemeinschaftsunterkünften Schutz, viele von ihnen Kinder. Die Lebensbedingungen werden zunehmend schwieriger. Viele vertriebene Haushalte leben in informellen, überfüllten und unsicheren Unterkünften, darunter nicht fertiggestellten Gebäuden, öffentlichen Räumen und Fahrzeugen. Die Wirtschaftskrise im Libanon und die geschwächte Infrastruktur hatten bereits vor der Eskalation die Fähigkeit des Landes eingeschränkt, auf grundlegende Bedürfnisse zu reagieren; heute bricht diese Infrastruktur unter dem Druck zusammen.

Die essenziellen Dienstleistungen, auf die Kinder für ihr Überleben und ihre Zukunft angewiesen sind, werden massiv gestört. In Regionen wie Bekaa und Baalbek haben Bombenangriffe wichtige Wasserreservoirs und Pumpstationen zerstört, wodurch zehntausende Menschen vom Zugang zu sicherem Wasser abgeschnitten wurden. Zudem dienen schätzungsweise 435 öffentliche Schulen derzeit als Unterkünfte, wodurch die Bildung von mehr als 115.000 Schülerinnen und Schülern abrupt unterbrochen wurde.

Die Auswirkungen dieser Eskalation auf die Menschen sind erschütternd. Bis heute wurden mindestens 121 Kinder getötet und 395 verletzt. Diejenigen, die den Beschuss überleben, sehen sich einer bedrückenden humanitären Realität gegenüber. Wir erleben Familien, die nur mit den Kleidern am Leib fliehen, gezwungen sind, innerhalb weniger Tage mehrfach umzuziehen, weil wiederholt Vertreibungsanordnungen erlassen werden.

Gleichzeitig werden wesentliche zivile Infrastrukturen – darunter Krankenhäuser, Schulen, Brücken sowie Wasser‑ und Abwassersysteme –, auf die Kinder angewiesen sind, um ihr Leben fortzuführen, kontinuierlich angegriffen, beschädigt oder zerstört.

UNICEF ist vor Ort und arbeitet rund um die Uhr gemeinsam mit unseren Partnern und nationalen Systemen, um Kinder auf der Flucht, in Unterkünften und in schwer erreichbaren Gebieten zu unterstützen. In den vergangenen Wochen hat unser „Rapid Response Mechanism“ (Schnellreaktionsmechanismus) über 167.000 Vertriebene mit wichtigen Non‑Food‑Artikeln und Winterhilfepaketen erreicht.

Wir haben mehr als 140 Tonnen essenzieller medizinischer Versorgung an Krankenhäuser geliefert und 40 primäre Satelliten‑Gesundheitseinheiten aktiviert, um sicherzustellen, dass Kinder und Familien in Unterkünften Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Wir leisten Notfall‑Wasser‑ und Sanitärhilfe für fast 190 Unterkünfte und arbeiten daran, die Zukunft der Kinder zu schützen, indem wir das Bildungsministerium bei der Einrichtung von Online‑Lernangeboten und der Planung temporärer Lernräume unterstützen.

Doch humanitäre Hilfe allein kann diese Krise nicht lösen. Unsere Notfallkapazitäten werden durch wiederholte Angriffe auf Sanitäter:innen und medizinisches Personal stark beeinträchtigt, und tausende Familien bleiben aufgrund von Sicherheitsbedenken und fehlenden Transportmöglichkeiten in schwer zugänglichen Gebieten abgeschnitten.

Kinder zahlen den höchsten Preis dieses Konflikts. Wir rufen dringend zu ungehindertem humanitärem Zugang zu alle Bedürftigen auf. Wir fordern ein sofortiges Ende der Angriffe auf zivile Infrastruktur – einschließlich Schulen, Krankenhäuser und Wassersysteme. Vor allem brauchen die 370.000 vertriebenen Kinder dringend einen sofortigen Waffenstillstand. Sie müssen aufhören zu fliehen, um endlich wieder so leben können, wie Kinder leben sollten.“

Hinweise

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