Kinder in Deutschland stehen im Kreis.

Kinder, die in Ländern mit den höchsten Ungleichheitsniveaus leben, haben ein 1,7‑fach höheres Risiko, übergewichtig zu sein, als Kinder in den gleichsten Ländern.

Florenz/Wien – Wirtschaftliche Ungleichheit in wohlhabenden Ländern steht im Zusammenhang mit einer schlechteren körperlichen Gesundheit und schwächeren schulischen Leistungen von Kindern. Das geht aus einer heute veröffentlichten Analyse des UNICEF Office of Strategy and Evidence – Innocenti hervor.

Report Card 20: Ungleiche Chancen – Kinder und wirtschaftliche Ungleichheit untersucht den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Ungleichheit und dem Wohlbefinden von Kindern in 44 OECD- und anderen Ländern mit hohem Einkommen. Der Bericht stellt fest, dass in den meisten dieser Länder sowohl die Einkommensungleichheit als auch die Kinderarmut auf hartnäckig hohem Niveau verharren. Im Durchschnitt über alle Länder hinweg nehmen Haushalte in den obersten 20 Prozent der Einkommensverteilung mehr als fünfmal so viel Einkommen mit nach Hause wie Haushalte in den untersten 20 Prozent. Gleichzeitig lebt im Länderdurchschnitt fast jedes fünfte Kind in Einkommensarmut – das bedeutet, dass seine grundlegenden Bedürfnisse möglicherweise nicht gedeckt werden.

Unter den Ländern mit vergleichbaren Daten, die im Bericht aufgeführt sind, belegt Österreich Rang 14 von 40 in Bezug auf die Einkommensungleichheit. Das einkommensstärkste Fünftel erzielt dort 4,41 -mal so viel Einkommen wie das einkommensschwächste Fünftel. Beim Ausmaß der Kinderarmut belegt Österreich Rang 19, mit einer Kinderarmutsquote (<60% median) von 17,9 Prozent.

Ungleichheit beeinflusst in tiefgreifender Weise, wie Kinder lernen, was sie essen und wie sie ihr Leben wahrnehmen“, sagte Bo Viktor Nylund, Direktor von UNICEF Innocenti. „Um die schlimmsten Auswirkungen von Ungleichheit zu begrenzen, müssen wir dringend mehr in Gesundheit, Ernährung und Bildung von Kindern in den am stärksten benachteiligten Gemeinschaften investieren.

Laut dem Bericht besteht ein klarer Zusammenhang zwischen höheren Niveaus wirtschaftlicher Ungleichheit und der Gesundheit von Kindern. Kinder, die in den ungleichsten Ländern aufwachsen, haben ein 1,7‑fach höheres Risiko, übergewichtig zu sein, als Kinder in den gleichsten Ländern. Dies kann auf eine schlechtere Ernährungsqualität und ausgelassene Mahlzeiten hinweisen.

Mit Blick auf Daten aus Ländern der Europäischen Union stellt der Bericht zudem fest, dass nur 58 Prozent der Kinder aus Familien im untersten Einkommensfünftel bei sehr guter Gesundheit sind, verglichen mit 73 Prozent der Kinder aus dem obersten Einkommensfünftel.

Der Bericht stellt außerdem einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Ungleichheit und schulischer Leistung her. Er zeigt, dass Länder mit größeren Einkommensunterschieden zwischen Arm und Reich insgesamt niedrigere Testergebnisse im Bildungsbereich aufweisen. Kinder in den ungleichsten Ländern haben eine 65‑prozentige Wahrscheinlichkeit, die Schule ohne grundlegende Kompetenzen im Lesen und in Mathematik zu verlassen, verglichen mit 40 Prozent in den gleichsten Ländern.

Diese Ungleichheiten zwischen Ländern spiegeln sich auch innerhalb der Länder wider: In nahezu allen untersuchten Staaten bestehen erhebliche Leistungsunterschiede zwischen Kindern aus den wohlhabendsten und den ärmsten Familien. Im Durchschnitt verfügen 83 Prozent der 15‑Jährigen aus Familien im obersten Einkommensfünftel über grundlegende Kompetenzen in Mathematik und Lesen, gegenüber nur 42 Prozent der Jugendlichen aus dem untersten Einkommensfünftel.

Österreich: Weiterhin erheblicher Handlungsbedarf bei der Verringerung von Ungleichheiten im Bildungs- und Gesundheitsbereich

Österreich liegt im Report Card 20‑Ranking zum Wohlbefinden von Kindern auf Platz 16 von 37 vollständig bewerteten Ländern. Relativ gut schneidet Österreich bei den Kompetenzen von Kindern ab (Platz 8) allerdings befindet sich Österreich bei den Indikatoren mentale Gesundheit (Platz 23) und körperliche Gesundheit (Platz 20) in den unteren zwei Dritteln. 71 Prozent der 15‑jährigen Jugendlichen in Österreich geben an, eine hohe Lebenszufriedenheit zu haben. Die Suizidrate unter 15‑ bis 19‑Jährigen ist im Vergleich zu den Ergebnissen aus Report Card 19 aus dem Vorjahr von 5,03 auf 6,68 pro 100.000 gestiegen. Im Bereich der körperlichen Gesundheit bleibt die hohe Übergewichtsrate von 28 Prozent eine bestehende Herausforderung.

Ungleichheit in der Ernährung von Kindern nach familiärem Wohlstand. Der tägliche Frühstückskonsum zeigt ein klares sozioökonomisches Muster: 28 Prozent der 11‑ bis 15‑Jährigen aus Familien mit geringem Wohlstand frühstücken täglich, verglichen mit 40 Prozent jener aus wohlhabenderen Familien. Ein ähnliches Muster zeigt sich beim täglichen Gemüsekonsum (35 Prozent gegenüber 46 Prozent), während der Konsum zuckerhaltiger Getränke bei Kindern aus weniger wohlhabenden Familien häufiger ist (24 Prozent gegenüber 15 Prozent).

Starke durchschnittliche schulische Leistungen, aber eine der größten sozioökonomischen Lernlücken. 61 Prozent der österreichischen 15‑Jährigen erreichen grundlegende Kompetenzen in Mathematik und Lesen – deutlich über dem Report‑Card‑Durchschnitt von 55 Prozent. Die Lücke zwischen Schüler:innen aus den untersten und obersten 20 Prozent beträgt 44 Prozentpunkte (45 Prozent der Schüler:innen im untersten Einkommensfünftel erreichen grundlegende Kompetenzen in beiden Fächern, verglichen mit 90 Prozent im obersten Einkommensfünftel) – eine der größeren Leistungsunterschiede unter den Report‑Card‑20-Ländern.

Die schulische Segregation liegt leicht über dem Report‑Card‑Länderdurchschnitt. Der Index der zwischen Schulen bestehenden Segregation nach sozioökonomischem Status beträgt in Österreich 0,26 – etwas höher als der Report‑Card‑Durchschnitt von 0,24. In Kombination mit der Größe der Leistungsunterschiede deutet dies darauf hin, dass die frühe Differenzierung nach Schultypen im österreichischen Sekundarschulsystem (Gymnasium, Mittelschule etc. ab dem Alter von ca. 10 Jahren) eine bedeutende Rolle bei der Entstehung ungleicher Lernergebnisse spielt.

Die Lebenszufriedenheit variiert je nach sozioökonomischem Hintergrund; soziale Kompetenzen hingegen nicht. 65 Prozent der 15‑Jährigen aus Familien mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsniveau (niedrigsten ESCS‑Quintil) berichten von hoher Lebenszufriedenheit, verglichen mit 76 Prozent mit hohem familiärem Wohlstand und Bildungsniveau (höchsten ESCS-Quintil). Im Gegensatz dazu ist der Anteil österreichischer Jugendlicher, die angeben, leicht Freundschaften zu schließen, über die sozioökonomischen Gruppen hinweg sehr ähnlich (77 Prozent im niedrigsten Quintil gegenüber 81 Prozent im höchsten).

Forderungen zur Reduzierung von Ungleichheit

Der Bericht fordert Regierungen und andere Akteure dazu auf, in mehreren Politikfeldern Maßnahmen zu ergreifen, um die Auswirkungen von Ungleichheit auf das Wohlbefinden von Kindern zu verringern – insbesondere durch die Reduzierung von Kinderarmut. Zu den möglichen Maßnahmen gehören:

  • Verbesserung sozialer Sicherungssysteme, einschließlich Familien- und Kinderleistungen sowie Mindestlöhnen, um sicherzustellen, dass kein Kind in Armut aufwächst.
  • Unterstützung benachteiligter Gemeinschaften durch geförderten Wohnraum, Verbesserungen der Infrastruktur in benachteiligten Wohngebieten und Investitionen in öffentliche Einrichtungen wie Grünflächen und Freizeiteinrichtungen.
  • Abbau von Ungleichheiten im Bildungswesen durch die Verringerung sozioökonomischer Segregation in Schulen; durch eine angemessene personelle und materielle Ausstattung von Schulen unabhängig vom wirtschaftlichen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler; sowie durch die Bereitstellung gesunder und nährstoffreicher Schulmahlzeiten.
  • Einbindung von Kindern, um ihre Perspektiven darauf besser zu verstehen, wie Ungleichheit sie und ihre Familien betrifft, und um gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die ihr Wohlbefinden fördern.

UNICEF Österreich fordert zudem die Einführung einer Kindergrundsicherung sowie die Umsetzung des Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der europäischen Garantie für Kinder (NAP Kindergarantie), um gegen die steigende Kinderarmut anzukommen. Drüber hinaus muss in Österreich weiter in ein inklusives und nicht segregierendes Bildungssystem investiert werden, damit Kinder gerechte Chancen auf Bildung und Gesundheit erhalten.

Hinweis

Zur Report Card 20.

Bericht zur Report Card 19 (2025)

Fotos zur redaktionellen Nutzung

Report Card 20: Ungleiche Chancen – Kinder und wirtschaftliche Ungleichheit liefert Daten zu den möglichen Auswirkungen wirtschaftlicher Ungleichheiten auf das Leben von Kindern in 44 Ländern, die als Länder mit hohem Einkommen eingestuft sind und/oder Mitglieder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind. (Hinweis: Einige Indikatoren im Bericht enthalten nicht für alle 44 Länder Daten.) Die Daten zur Einkommensungleichheit spiegeln das Verhältnis zwischen einer Person auf dem 20. und dem 80. Perzentil der Äquivalenzeinkommensverteilung wider und stammen aus der OECD Inequality Database, der Eurostat-Datenbank sowie aus Berechnungen von UNICEF. Die Daten zur Kinderarmut basieren auf dem Anteil der Kinder (im Alter von 0–17 Jahren), die in Haushalten mit einem äquivalisierten verfügbaren Einkommen unter 60 Prozent des nationalen Medians leben, und stammen aus Eurostat EU-SILC, der OECD Income Distribution Database sowie aus nationalen statistischen Ämtern. Der Bericht enthält außerdem Daten zu drei zentralen Dimensionen des kindlichen Wohlbefindens: psychisches Wohlbefinden, dargestellt durch zwei Datensätze – Lebenszufriedenheit aus OECD PISA 2022 und Suizide bei Jugendlichen aus der WHO Mortality Database; körperliche Gesundheit, dargestellt durch zwei Datensätze – Kindersterblichkeit aus UN IGME (2024) sowie Übergewicht und Adipositas aus NCD‑RisC; sowie Kompetenzen, dargestellt durch zwei Datensätze – schulische Grundkompetenzen und soziale Fähigkeiten, beide aus OECD PISA 2022. Der Bericht aktualisiert zudem eine Rangliste, die zeigt, wie es Kindern in 37 OECD‑/Hochlohnländern auf Basis von Messgrößen zu körperlicher Gesundheit, psychischem Wohlbefinden und Kompetenzen geht. Die Niederlande, Dänemark und Frankreich bleiben die bestplatzierten Länder.

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