Somalia: Eine Mutter ist mit ihrem Baby in einem Stabilisierungszentrum für mangelernährte Kinder in Mogadischu.
Somalia: Eine Mutter ist mit ihrem Baby in einem Stabilisierungszentrum für mangelernährte Kinder in Mogadischu.

El Niño, Überschwemmungen und Hunger: Kinder in Somalia besonders bedroht.

Das Wichtigste in Kürze

  • 5,4 Millionen Menschen werden zwischen Oktober und Dezember 2026 von akutem Hunger betroffen sein.
  • 1,92 Millionen Kinder unter fünf Jahren benötigen Behandlung wegen akuter Mangelernährung, darunter 433.000 schwer mangelernährte Kinder.
  • El-Niño-bedingte Überschwemmungen könnten 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen treffen.
  • Rund eine Million Menschen könnte durch die Fluten vertrieben werden.
  • Besonders betroffen sind ländliche Gemeinden sowie Binnenvertriebene in Baidoa und Belet Weyne.
  • Finanzierungslücken gefährden lebensrettende Hilfe, obwohl UNICEF zwischen 2021 und 2025 bereits 2,25 Millionen Kinder mit schwerer akuter Mangelernährung unterstützen konnte.

Mogadischu/Wien – Millionen Menschen in Somalia leiden weiterhin unter schwerem Hunger. Gleichzeitig wird sich die akute Mangelernährung bei Kindern in den kommenden Monaten voraussichtlich weiter verschärfen. Die somalische Bundesregierung und die Vereinten Nationen (UN) warnten heute, dass starke Überschwemmungen im Zusammenhang mit dem erwarteten El Niño-Phänomen die Lage zwischen Oktober und Dezember 2026 zusätzlich verschlimmern könnten.

Die jüngste Analyse der Integrated Food Security Phase Classification (IPC) prognostiziert, dass zwischen Oktober und Dezember 2026 rund 5,4 Millionen Menschen von einer Ernährungskrise oder einer noch schwereren Hungerlage betroffen sein werden. Darunter befinden sich 1,5 Millionen Menschen, die unter Hunger auf Notstandsniveau oder schlimmeren Bedingungen leiden.

Laut der IPC-Analyse werden zwischen Juli 2026 und Juni 2027 rund 1,92 Millionen Kinder unter fünf Jahren eine Behandlung wegen akuter Mangelernährung benötigen. Darunter sind 433.000 Kinder mit schwerer akuter Mangelernährung, der gefährlichsten und tödlichsten Form von Mangelernährung.

Fast 62 Prozent der Mangelernährungsfälle konzentrieren sich auf die ländliche Bevölkerung. Binnenvertriebene Menschen in Belet Weyne sowie in Teilen der Vertriebenensiedlungen in Baidoa könnten ein „äußerst kritisches“ Niveau der akuten Mangelernährung (IPC-Stufe 5) erreichen, da die erwarteten Überschwemmungen den Zugang zu lebenswichtigen Dienstleistungen erschweren werden.

Nach Einschätzung der Expertinnen und Experten hat sich die Situation der akuten Mangelernährung im Bezirk Burhakaba in der Region Bay, der im April noch von einer Hungersnot bedroht war, verbessert. Ausschlaggebend dafür waren die Gu-Regenzeit sowie der Ausbau humanitärer Hilfsmaßnahmen in diesem Gebiet.

Die aktuelle Analyse zeigt jedoch weiterhin ein Hungersnot-Risiko für Baidoa in derselben Region. Dort sind Binnenvertriebene sowohl einem katastrophalen Hungerrisiko als auch einer äußerst kritischen Mangelernährungssituation ausgesetzt. Da die Bewertung auf Daten aus dem April 2026 basiert, soll im Oktober 2026 eine Folgebewertung erfolgen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und das tatsächliche Risiko zu bestätigen.

„Die humanitäre Krise in Somalia bleibt äußerst besorgniserregend, und Millionen Menschen sind durch diese hohen Hunger- und Mangelernährungsraten gefährdet“, sagte George Conway, Humanitärer Koordinator für Somalia. „Die prognostizierten Überschwemmungen infolge von El Niño werden ohnehin fragile Lebensgrundlagen weiter zerstören, gefährdete Gemeinschaften vertreiben und das Risiko von Krankheitsausbrüchen erhöhen. Wir rufen zu sofortigem Handeln und zusätzlichen Ressourcen auf, um Menschenleben zu schützen, die Vorsorge zu stärken und eine weitere Verschärfung der Krise zu verhindern.“

Die größte Gefahr wird für den Zeitraum von Oktober bis Dezember 2026 erwartet. Prognostizierte Starkregenfälle im Zusammenhang mit El Niño dürften insbesondere ländliche Flussufer- und agro-pastorale Gemeinden treffen. Ernten und Viehbestände könnten zerstört, Haushalte von Märkten und Einkommensquellen abgeschnitten sowie neue Vertreibungswellen ausgelöst werden.

Nach Angaben der Somalia Disaster Management Agency (SODMA) könnten 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen von Überschwemmungen betroffen sein. Rund eine Million Menschen könnte aus landwirtschaftlich genutzten Gebieten und Weideflächen vertrieben werden, wodurch sich die Zahl der akut von Hunger bedrohten Menschen weiter erhöhen würde.

„Wir sind zutiefst besorgt über die sich verschlechternde Ernährungs- und Mangelernährungslage, insbesondere angesichts der möglichen Auswirkungen von El Niño“, sagte Mohamuud Moallim Abdullahi, Kommissar der Somalia Disaster Management Agency. „Die Regierung arbeitet eng mit humanitären Partnern und den Behörden auf regionaler Ebene zusammen, um die vielfältigen Krisen in Somalia zu bewältigen. Wir appellieren an alle Partner und Geber, diese Bemühungen zu unterstützen, damit wir frühzeitig handeln, Menschenleben und Lebensgrundlagen schützen und menschliches Leid verringern können.“

Somalia: Finanzierungslücken gefährden lebensrettende Hilfe für Kinder und Familien

Die somalische Bundesregierung und die Vereinten Nationen rufen zu sofortigen Maßnahmen auf. Dazu zählen die Sicherstellung und Finanzierung der kontinuierlichen Bereitstellung von Lebensmittel- und Bargeldhilfe sowie die Behandlung schwerer und mittelschwerer akuter Mangelernährung.

Darüber hinaus sollen Lebensmittel, Hilfsgüter zur Sicherung von Lebensgrundlagen sowie Ernährungsmaterialien rechtzeitig in gefährdeten Regionen gelagert werden, bevor Überschwemmungen ab Oktober Straßen unpassierbar machen. Gleichzeitig müssen integrierte Maßnahmen in den Bereichen Ernährung, Gesundheit, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Nahrungsmittelsicherheit ausgeweitet werden. Dies gilt sowohl für ländliche Aufnahmegemeinden als auch für Binnenvertriebene in den am stärksten gefährdeten Distrikten.

Angesichts knapper finanzieller Mittel werden außerdem nachhaltige Investitionen in saisonale Erhebungen und Überwachungssysteme zur Ernährungssicherheit, Mangelernährung und Sterblichkeit dringend benötigt. Die Finanzierungsentscheidungen der kommenden Wochen werden maßgeblich darüber entscheiden, ob rechtzeitig ausreichend Nahrungsmittel und therapeutische Behandlungen verfügbar sind und ob diese die betroffenen Gemeinden auch dann noch erreichen, wenn Überschwemmungen Verkehrswege abschneiden.

Besonders betroffen sind agro-pastorale Gemeinschaften im ganzen Land, die bereits durch mehrere schlechte Regenzeiten geschwächt wurden, darunter die unterdurchschnittlichen Gu-Regenfälle des Jahres 2026. Zwei Drittel der Mangelernährungslast entfallen auf ländliche Regionen.

Die während der Deyr-Saison (Oktober bis Dezember) erwarteten El Niño-bedingten Überschwemmungen dürften bestehende Verwundbarkeiten weiter verschärfen, die Nahrungsmittelproduktion beeinträchtigen und zusätzliche Vertreibungen, Ernährungsunsicherheit und Mangelernährung verursachen.

„Familien, die bereits von Hunger betroffen sind, können es sich nicht leisten, auch noch ihre Ernten oder ihr Vieh durch Überschwemmungen zu verlieren“, sagte Etienne Peterschmitt, FAO-Vertreter in Somalia. „Dringend benötigte Finanzmittel sind notwendig, um Frühwarnungen in konkretes Handeln umzusetzen, Leben zu retten, Lebensgrundlagen zu schützen und die frühzeitige Erholung ländlicher Bevölkerungsgruppen zu unterstützen.“

„Millionen Menschen in Somalia kämpfen noch immer mit den Folgen von Dürre, Unsicherheit und hohen Lebensmittelpreisen. Viele Familien haben ihre letzten Reserven bereits aufgebraucht“, sagte Hameed Nuru, Vertreter und Landesdirektor des Welternährungsprogramms (WFP) in Somalia. „Während drohende Überschwemmungen einen weiteren schweren Schock auslösen könnten, bereitet sich das WFP auf die kommenden Monate vor, unterstützt besonders bedürftige Gemeinden und fördert frühzeitige Maßnahmen zum Schutz von Menschenleben und Existenzgrundlagen. Die Unterstützung, die wir jetzt erhalten, wird darüber entscheiden, wie viele Familien wir erreichen können, bevor sich die Krise weiter verschärft.“

„Zwischen 2021 und 2025 unterstützte UNICEF gemeinsam mit der Regierung Somalias und Partnerorganisationen mehr als 2,25 Millionen Aufnahmen von Kindern mit schwerer akuter Mangelernährung. Der rechtzeitige Zugang zu Behandlung hat Leben gerettet und Kindern die Chance gegeben, sich zu erholen und gesund aufzuwachsen“, sagte Sandra Lattouf, UNICEF-Repräsentantin in Somalia. „Diese lebenswichtigen Dienste stehen aufgrund von Finanzierungslücken zunehmend unter Druck. Dringende Unterstützung ist erforderlich, damit die somalischen Behörden und ihre Partner die Behandlung bis Jahresende aufrechterhalten und wichtige Ernährungshilfen rechtzeitig zu den Kindern und Gemeinden bringen können, die sie am dringendsten benötigen.“

Die Vereinten Nationen verstärken derzeit ihre integrierte Unterstützung in den Bereichen Ernährung, Gesundheit, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Ernährungssicherheit in den am stärksten gefährdeten Distrikten. Priorität erhalten Gebiete, die als IPC-Stufe 4 oder höher eingestuft sind, sowie Vertriebenensiedlungen in Beledweyne und Baidoa.

Hinweise für Redaktionen

Die Integrated Food Security Phase Classification (IPC) ist eine Multi-Partner-Initiative zur Verbesserung von Analysen und Entscheidungsprozessen im Bereich Ernährungssicherheit und Ernährung. Regierungen, UN-Organisationen, Nichtregierungsorganisationen und zivilgesellschaftliche Akteure nutzen die IPC-Klassifizierung und Methodik, um Schweregrad und Ausmaß akuter und chronischer Ernährungsunsicherheit sowie akuter Mangelernährung nach international anerkannten wissenschaftlichen Standards zu bewerten.

Foto- und Videomaterial zur redaktionellen Nutzung.

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