„Your Body, Your Choice“ ist mehr als ein Slogan, es ist ein grundlegendes Kinderrecht. Doch weltweit bleibt dieses Recht für Millionen Mädchen unerreichbar: Laut UNICEF erhalten nur 39 % der Schulen Menstruationsaufklärung. In vielen Ländern sind Mädchen unvorbereitet auf ihre erste Periode.
Gesellschaftliche Tabus, fehlende Informationen und digitale Barrieren erschweren den Zugang zu Wissen, besonders für Mädchen mit Behinderungen. Sie sind häufig doppelt stigmatisiert. Weltweit leben rund 240 Millionen Kinder mit Behinderungen, viele ohne Zugang zu inklusiver Bildung.
Hier setzt die Oky App an: die weltweit erste Menstruations-App, die gemeinsam mit Mädchen entwickelt wurde. Mehr als 400 Jugendliche waren an der Gestaltung beteiligt. Oky vermittelt evidenzbasiertes Wissen zu Menstruation, Pubertät und reproduktiver Gesundheit – spielerisch, sicher und inklusiv. Die App funktioniert offline, läuft auf älteren Geräten, nutzt einfache Sprache und schützt sensible Daten.
Seit dem Launch in der Mongolei und Indonesien hat Oky über 950.000 Nutzerinnen in 12 Ländern und 17 Sprachen erreicht. Mit Unterstützung von UNICEF Innovation wurde Oky als Digital Public Good anerkannt – ein internationales Gütesiegel für offene und sichere digitale Lösungen.
Oky ist mehr als eine App: Sie zeigt, wie digitale Bildung und Gesundheit zusammenwirken können, um Mädchen zu stärken und Barrieren abzubauen. Damit dieses Potenzial ausgeschöpft wird, braucht es Partnerschaften und Investitionen in digitale Bildung.
Wir haben Gerda Binder, die Initiatorin der Oky App, interviewt. Sie spricht über die Entstehung der Idee, die Rolle von Partner:innen und Investor:innen sowie darüber, wie Oky weiter wachsen kann.
Interview über die Entwicklung & Perspektive von Oky App
Wie ist die Idee für die Oky App entstanden und wie wurden die Mädchen von Anfang an in die Entwicklung eingebunden, damit die App wirklich inklusiv, digital zugänglich und auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist?
Ich liebe es, zuzuhören und von anderen inspiriert zu werden. Als UNICEF Mitarbeiterin war es mir möglich, mit vielen Mädchen und jungen Frauen zu sprechen und von ihnen zu lernen. Und überall – in Indonesien, Kenia oder Nepal – haben sie erzählt, wie sehr sie sich klarem verlässliche Informationen wünschen. Ohne Scham, ohne falsche Mythen, ohne Angst.
Viele fühlten sich allein mit ihren Fragen. Im Internet finden sie oft widersprüchliche oder verwirrende Informationen und kaum etwas, das in einfacher Sprache erklärt ist. Genau da begann unsere gemeinsame Idee: eine digitale Lösung zu entwickeln, die ehrlich, freundlich und leicht verständlich ist. Die Mädchen auf der ganzen Welt helfen kann, Wissen und Selbstvertrauen stärkt, und Menstruation zu etwas ganz Normalem macht, über das gesprochen werden kann.
Von Anfang an waren Mädchen die Entscheidungsträgerinnen. In Workshops in Indonesien und der Mongolei haben Hunderte von Mädchen miteinander über ihr Leben gesprochen, über ihre Träume, Ängste, und über das, was digital möglich ist. Sie erklärten, dass viele nur alte Handys zur Verfügung haben, oft ohne Internetverbindung und mit wenig Speicherplatz.
Also musste Oky auch gänzlich offline funktionieren und speicherschonend (light-weight) sein. Es war ihnen auch wichtig, dass Oky den höchsten Datenschutz hat und ihre Privatsphäre respektiert. Und sie wollten keine kommerzielle Plattform: keine Werbung, keine versteckte Datennutzung, kein Geschäft mit ihren Informationen.
Sie zeichneten, bauten Modelle, testeten Funktionen. Sie entschieden, dass Oky freundlich, bunt und spielerisch sein soll, nicht klinisch oder peinlich. Deshalb auch der Name „Oky“ – ein erfundenes Wort und lustig. Jede Schaltfläche, jede Farbe, jeder Avatar trägt ihre Handschrift. Und das ist für mich das Schönste an Oky: Es ist nicht nur eine App für Mädchen, sondern eine App von Mädchen.
Digitale Kompetenzen entscheiden heute mit über Zukunftschancen. Wie können wir sicherstellen, dass Mädchen – gerade in benachteiligten Kontexten – die gleichen Möglichkeiten haben, digitale Werkzeuge zu nutzen, um ihr Wissen und Selbstvertrauen zu stärken?
Jedes Mädchen hat das Recht zu lernen, mitzureden und mitzugestalten, auch digital. Digitale Räume sind heute Teil von Bildung, Wirtschaft und sozialem Leben. Wenn Mädchen und junge Frauen dort keinen Zugang haben und nicht mitgestalten können, werden sie von der Gesellschaft ausgeschlossen und ihre Zukunftchancen beschraenkt.
Gleichberechtigung im digitalen Raum bedeutet, dass Mädchen die gleichen Chancen haben, Fähigkeiten zu entwickeln, ihre Ideen umzusetzen und sichtbar zu sein. Digitale Kompetenzen sind keine Luxusfrage, sondern eine Frage von Rechten und Teilhabe. Deshalb ist es so wichtig, dass digitale Angebote wie Oky wirklich zugänglich sind, für alle Mädchen, unabhängig von Sprache, Beeintraechtgung oder Herkunft. Mädchen sollen selbstbewusst lernen, Technologien zu nutzen und zu gestalten. Es geht um Gleichberechtigung, nicht um Großzügigkeit.
In Oky sehen wir, wie das gelingt. Mädchen bestimmen Zweck und Ziel der Plattform, gestalten Design, Inhalte und Funktionen so, dass sie zu ihren Interessen und ihrer Realitaet passen. Sie lernen duch Oky, sich im digitalen Raum sicher zu bewegen, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Gleichzeitig stärkt Oky auch Erwachsene, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer oder Gesundheitsfachkräfte, in einfacher und klarer Sprache über sensible Themen zu sprechen und ihre eigene Befangenheit abzubauen.
Mädchen werden noch immer zu oft übersehen. Aber wenn sie die Möglichkeit bekommen, zu lernen, mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen, verändern sie Systeme. Sie bringen Wissen, Empathie und ihre Vorstellungkraft ein und machen unsere digitale Zukunft gerechter und menschlicher.
Oky erreicht bereits fast eine Million Mädchen weltweit – viele von ihnen zum ersten Mal mit fundierter Aufklärung über Menstruation und Gesundheit. Wie können wir gemeinsam sicherstellen, dass digitale Angebote wie Oky noch mehr Mädchen erreichen – auch dort, wo der Zugang zu Bildung und Technologie besonders schwierig ist?
Der Bedarf ist riesig. Ich sehe, wie viel sich verändert, wenn Mädchen Zugang zu Wissen und guten Informationen haben. Aber ich glaube, es geht nicht nur darum, sie zu „erreichen“, sondern darum, dass sie selbstverständlich dazugehören, auch digital.
Damit das gelingt, müssen wir ungleiche Strukturen abbauen. In vielen Ländern sind es die sozialen Normen, die darüber entscheiden, ob ein Mädchen ein Handy besitzen darf, ob sie ins Internet darf oder ob jemand mit ihr über Pubertät und reproduktive Gesundheit spricht. Digitale Lösungen wie Oky können diese Lücken nicht allein schließen, aber sie können Teil eines größeren Wandels sein.
In jedem Land arbeiten wir deshalb mit lokalen Organisationen, die Mädchen unterstützen, ihre Lebensrealität kennen und denen vertraut wird. Diese lokalen Partnerorganisationen adaptieren gemeinsam mit Mädchen Okys Inhalte, Designs und Funktionen. So wird Oky in jedem Land zu etwas, das Mädchen wirklich gehört. Da Oky auch offline funktioniert, können Mädchen mit Oky digitale Navigation lernen, ausprobieren und sich informieren – selbst dort, wo der Zugang zu Bildung oder zu Konnektivität und Internet begrenzt ist.
Für Gegenden mit wenig Konnektivität oder Nutzerinnen ohne Smartphones haben Mädchen gemeinsam mit uns extra auch einfache Oky Formate entwickelt. Dazu gehören SMS- und Sprachanwendungen auf Basishandys, interaktive Hörgeschichten und Oky-Radiosendungen für gemeinsames Zuhören in der Community. So bleibt Oky zugänglich auch dort, wo digitale Möglichkeiten noch begrenzt sind. Gleichzeitig stärkt Oky auch Erwachsene, diese Themen offen anzusprechen. Wenn Eltern, Lehrerinnen oder Gesundheitsfachkräfte besser informiert sind und in einfacher Sprache über „sensible“ Themen wie Menstruation sprechen können, schaffen sie Raeume, in denen Mädchen Fragen stellen dürfen. Für mich sind Mädchen mehr als eine Zielgruppe, sie sind Akteurinnen. Wenn sie die Möglichkeit haben, sich und ihre Prioritaeten einzubringen und zu gestalten, entstehen digitale Räume und Gesellschaften, die Tabus und Fehlinformationen überwinden.
Oky denkt Inklusion mit – ob über barrierefreie Inhalte, einfache Sprache oder Avatare mit Behinderung. Wie wichtig ist Ihnen persönlich, dass digitale Lösungen wirklich alle Mädchen erreichen – auch die, die sonst oft vergessen werden?
Inklusion ist für mich das Wichtigste. Wenn ein Mädchen mit einer Seh- oder Hörbeeinträchtigung Oky nutzt und sagt: „Endlich ist auch jemand wie ich dabei“, dann weiß ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es war für mich so eine Freude, das Video von Rose in Kenia zu sehen.
Oky wurde von Anfang an nach internationalen Zugänglichkeitsstandards (WCAG) entwickelt. Wir haben die App gemeinsam mit Expert*innen geprüft und verbessert, von Kontrast und Lesbarkeit bis zu Textalternativen für Bilder und Symbole. Es gibt eine Tablet-Version für Nutzerinnen, die größere Bildschirme brauchen, oder deren Geräte an einen Rollstuhl angebracht sind. In mehreren Ländern haben Mädchen mit unterschiedlichen Fähigkeiten an der Gestaltung von Oky mitgewirkt. Sie haben Avatare entwickelt, die Vielfalt sichtbar machen, Mädchen mit Hörgeräten, Krücken oder Blindenstöcken. Diese Repräsentation ist mehr als ein Detail. Sie zeigt: jede Nutzerin gehört dazu.
Wir arbeiten eng mit lokalen Organisationen von Menschen mit Behinderungen zusammen. Diese Organisationen kennen die Bedürfnisse ihrer Communities und helfen uns, Mädchen und Eltern/BetreuerInnen aktiv einzubinden, in Workshops, in App Testphasen und bei der Verbreitung. Gemeinsam haben wir auch Inhalte entwickelt, die für Betreuer*innen und Eltern wichtig sind, zum Beispiel, wie blinde Mädchen bei der Menstruation unterstützt werden können oder wie sich Pflegepersonen auf Gespräche über Körper und Gesundheit vorbereiten können.
Oky ist mehr als eine App. Sie ist auch ein Lernraum und bietet Trainings an. Mädchen mit Behinderungen lernen, die vorinstallierten Bedienungshilfen auf ihren Geräten zu finden und zu nutzen, um sich selbstständig in digitalen Räumen zu bewegen. Dadurch wachsen Selbstvertrauen, digitale Kompetenzen und Teilhabe.
Und Oky geht weiter: Wir entwickeln derzeit zusammen mit der ETH und GIZ ein AI-Modell, das Oky Inhalte im Einfache Sprache konvertieren kann (Text mit Bild), damit auch Mädchen mit kognitiven Unterschieden oder Leseschwierigkeiten Okys Inhalte verstehen können. So wird Oky Schritt für Schritt zu einer Plattform, die alle Mädchen einschließt.
Oky funktioniert offline, arbeitet mit lokalen Organisationen und Regierungen zusammen. Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit solche Projekte nicht nur Pilot bleiben, sondern langfristig ganze Systeme verändern können?
Nachhaltigkeit entsteht, wenn Verantwortung geteilt wird. Mädchen und ihre Familien und Communities, lokale Organisationen, Schulen, Gesundheitsbehörden, und Regierungen, alle spielen eine Rolle. Oky ist kein klassisches Projekt, das nach ein paar Jahren endet. Es ist ein offenes, lernendes Ökosystem in dem alle Sektoren der Gesellschaft einbringen können.
Die Implementierung von Oky in jedem Land erfolgt durch soziales Franchising. Das bedeutet: Jede Partnerorganisation kann durch eine Franchiselizenz Oky kostenlos übernehmen, lokal anpassen und langfristig selbst betreiben. Es gibt keine Gebühren, keine Lizenzkosten. Dafür klare gemeinsame Prinzipien und Qualitätsstandards, damit Oky überall sicher, inklusiv und mädchenzentriert bleibt.
Die Partnerorganisationen gestalten gemeinsam mit Mädchen, Regierungen und anderen Akteur:innen ihre eigene Oky-Version. Sie entscheiden über Sprache, Inhalte und Funktionen, und teilen ihr Wissen mit anderen Ländern. So entsteht ein globales Netzwerk, das voneinander lernt und sich gegenseitig unterstützt. UNICEF begleitet diese Partner, bietet Schulungen, technische Unterstützung und Zugang zu den neuesten App-Updates, Sicherheitsfunktionen und Designverbesserungen. So bleibt Oky innovativ und lokal relevant zugleich.
Besonders hilfreich ist, dass Regierungen in vielen Laendern Oky bereits in Schulen, Jugend- und Gesundheitsprogramme integrieren. Damit ist die Oky App ein selbstverstaendlicher Baustein in der digitalen Infrastruktur für Mädchenrechte.
Oky zeigt, dass Nachhaltigkeit entsteht, wenn Wissen im Land bleibt, Zusammenarbeit auf Vertrauen basiert und Mädchen mitgestalten. Nur so verändert sich hoffentlich wirklich etwas nachhaltig.
Projekte wie Oky zeigen, dass nachhaltige Wirkung nur entsteht, wenn Bildung, Gesundheit und Technologie zusammenspielen. Welche Rolle können österreichische Partner – aus Wirtschaft, Forschung oder öffentlichem Sektor – dabei übernehmen, um solche systemischen Ansätze global zu stärken?
Ich finde, wir können aus Österreich viel beitragen, durch unser Wissen, unsere Forschung und unsere Bereitschaft, Neues zu denken. Österreich hat ein starkes Innovationspotenzial, besonders im Bereich sozialer Innovation, Technologie, Assistenzsysteme und Forschung für Kinder mit Behinderungen. Hier gibt es Unternehmen und Start-ups, die zeigen, wie Technologie inklusiv und menschlich sein kann.
Oft denkt man bei Kooperationen zuerst an Spenden. Aber Österreich kann darüber hinaus beitragen: Know-how, Forschung, Datensicherheit und Online Safety Design, künstliche Intelligenz, inklusive Technologien und Barrierefreiheit. Oky ist open source, und jede und jeder kann etwas einbringen, sei es durch Forschung, durch Design oder durch Mentoring.
Ich sehe große Chancen in Partnerschaften mit Universitäten, Unternehmen, Stiftungen, und NPOs, Jugendorganisationen, etc die soziale Innovation fördern. Projekte wie das Zero Project hier in Wien zeigen, wie stark Österreich ist, wenn es um Inklusion und Assistenztechnologien geht. Diese Expertise kann Mädchen weltweit zugutekommen, zum Beispiel durch Forschung zu digitaler Barrierefreiheit, Entwicklung neuer Funktionen oder Unterstützung bei der Skalierung. Wenn Bildung, Gesundheit, Technologie und soziale Innovation Hand in Hand gehen, entsteht echte Veränderung – hier bei uns und weltweit.
Über Gerda Binder
Gerda Binder ist Senior Advisor für Geschlechtergerechtigkeit & Digitale Technologie bei UNICEF. Gerda arbeitet mit Teams und Partner:innen an Innovationen, um die digitale Kluft zwischen den Geschlechtern zu schließen, mit einem Fokus auf Mädchen; an der Förderung digitaler Lösungen, die mit, für und von Frauen und Mädchen entwickelt wurden; an geschlechtergerechter digitaler Bildung; am Schutz auf digitalen Plattformen; und an der Nutzung von Technologie zur Prävention und Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt. Gerda ist zudem Initiatorin und globale Leiterin von Oky, UNICEFs Girltech-Flaggschiffinitiative und ein digitales Gemeingut.