Kinshasa/New York/Wien – Mehr als 35.000 Fälle von Vergewaltigung und sexuellen Übergriffen gegen Kinder landesweit im Jahr 2025 erfasst.
Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) endemisch, systemisch und nimmt weiter zu. Das geht aus einem neuen UNICEF-Bericht hervor, der heute veröffentlicht wurde. Während bewaffnete Konflikte weiterhin ein zentraler Treiber sind, zeigt der Bericht, dass Fälle in Gemeinden aller Provinzen dokumentiert wurden und seit 2022 stark angestiegen sind.
Wie der Bericht zeigt, weisen landesweite Daten von Schutz- und Dienstleistern im Bereich geschlechtsspezifischer Gewalt darauf hin, dass in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 mehr als 35.000 Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder landesweit registriert wurden, ein Hinweis auf eine Krise, die sich weiter zuspitzt. Im Jahr 2024 wurden nahezu 45.000 Fälle gegen Kinder erfasst; sie machten fast 40 % aller gemeldeten Fälle sexueller Gewalt aus, dreimal so viele wie im Jahr 2022.
Diese Zahlen deuten auf anhaltende und weitverbreitete Schädigungen hin, wobei das tatsächliche Ausmaß aufgrund von Untererfassung vermutlich deutlich höher liegt. Angst, Stigmatisierung, Unsicherheit und der eingeschränkte Zugang zu Dienstleistungen hindern viele Überlebende daran, die Taten zu melden oder Hilfe zu suchen.
„Fallbetreuerinnen und -betreuer berichten von Müttern, die stundenlang zu Fuß zu Kliniken gehen, mit Töchtern, die nach den Übergriffen nicht mehr laufen können. Familien sagen, dass die Angst vor Stigmatisierung und Vergeltung sie oft davon abhält, den Missbrauch zu melden“, sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell. „Solche Geschichten wiederholen sich in allen Provinzen und legen eine verfestigte Krise offen, die durch Unsicherheit, Ungleichheit und schwache Unterstützungssysteme befeuert wird.“
Deutliche Muster, die sich in den Provinzen abzeichnen, verdeutlichen das Ausmaß der Krise. Die meisten Fälle konzentrieren sich auf Nord-Kivu, Süd-Kivu und Ituri, wo Konflikte, Vertreibung und geschwächte Schutzsysteme ein extrem hohes Risiko schaffen. Gleichzeitig werden auch in Kinshasa und in den Kasai-Provinzen erhebliche Fallzahlen dokumentiert, wo Armut, Ernährungsunsicherheit und Schulabbrüche die Anfälligkeit von Mädchen für Ausbeutung und frühe Verheiratung erhöhen.
Jugendliche Mädchen sind landesweit weiterhin am stärksten betroffen und stellen den größten und wachsenden Anteil der Überlebenden. Auch Buben sind sexueller Gewalt ausgesetzt, bleiben in den gemeldeten Fällen jedoch deutlich unterrepräsentiert. Kinder mit Behinderungen sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, da körperliche, soziale und kommunikative Barrieren sowohl ihre Verwundbarkeit erhöhen als auch den Zugang zu Versorgung und Gerechtigkeit einschränken.
Zusätzlich zu den Ergebnissen des Berichts beleuchten separat verifizierte UN-Daten die Entwicklungen in konfliktbetroffenen Regionen. Die erfassten Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder waren bereits 2022 und 2023 hoch und stiegen 2024 nochmals um nahezu 30 % an. Vorläufige Daten aus den ersten Monaten des Jahres 2025 deuten darauf hin, dass die Lage weiterhin akut ist: Die in den ersten sechs Monaten gemeldeten Fälle könnten mehr als 80 % der im gesamten Vorjahr dokumentierten Gesamtzahl ausmachen.
Überlebende leiden häufig unter schweren körperlichen Verletzungen, ungewollten Schwangerschaften, einem erhöhten Risiko für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen sowie unter tiefgreifenden psychischen Schäden, darunter Angst, Anspannung, Depressionen und soziale Ausgrenzung bis hin zum Ausschluss aus Familien und Gemeinschaften. Dennoch bleibt der Zugang zu lebensrettender Unterstützung begrenzt.
UNICEF arbeitet gemeinsam mit der Regierung und Partnerorganisationen daran, Kinder mit auf Überlebende zentrierten Angeboten zu erreichen, darunter medizinische Versorgung, psychosoziale Unterstützung, Schutzräume und Fallmanagement. Zwischen 2022 und 2024 stieg die Zahl der von UNICEF unterstützten überlebenden Kinder um 143 % und erreichte 2024 mehr als 24.200 Kinder in den am stärksten betroffenen Provinzen.
Unsicherheit und globale Mittelkürzungen haben jedoch dazu geführt, dass viele von UNICEF unterstützte Schutzräume, mobile Kliniken und gemeindebasierte Schutzprogramme ihre Arbeit einschränken oder einstellen mussten. Bis Mitte 2025 waren nur noch 23 % der Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt finanziert, gegenüber 48 % im Jahr 2022. Dadurch drohen Hunderttausende Kinder, darunter 300.000 in den konfliktbetroffenen östlichen Regionen, den Zugang zu lebensrettender Unterstützung zu verlieren.
UNICEF fordert die Regierung, alle Konfliktparteien, die Zivilgesellschaft und internationale Partner auf:
- alle Formen sexueller Gewalt gegen Kinder zu beenden und zu verhindern, insbesondere in konfliktbetroffenen Situationen, im Einklang mit nationalem Recht und internationalem Völkerrecht;
- die Angebote zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt auszuweiten und so auszustatten, dass sie den spezifischen Bedürfnissen kindlicher Überlebender gerecht werden, einschließlich Schutzräumen, medizinischer Versorgung und psychosozialer Unterstützung, sowie sichere und vertrauliche Überweisungen zu entsprechenden Diensten zu ermöglichen;
- die Rechenschaftspflicht zu stärken, indem Ermittlungen unterstützt, Täter strafrechtlich verfolgt und Überlebende sowie Zeug*innen geschützt werden, ebenso wie die Datenerhebung und Berichterstattung verbessert wird;
- Investitionen in den Ausbau von Schutzdiensten und gemeindebasierten Präventionsmaßnahmen zu erhöhen und langfristig aufrechtzuerhalten.
„Die Bewältigung dieser Krise sexueller Gewalt erfordert ein sofortiges Handeln und die Einhaltung des internationalen Rechts in Konfliktsituationen. Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden, und Frauen sowie Kinder müssen Zugang zu Schutz und Unterstützung erhalten“, fügte Russell hinzu.
Hinweise für Redaktionen
Der gesamte Bericht auf der Website von UNICEF International.
Foto- und Videomaterial zur redaktionellen Nutzung.
Bleiben Sie immer informiert und abonnieren Sie den UNICEF Österreich WhatsApp-Channel!