New York – Bemerkungen von Sheema Sen Gupta, Direktorin für Kinderschutz bei UNICEF, bei der offenen Debatte des UN-Sicherheitsrats zum Thema „Kinder und bewaffnete Konflikte: wirksame Strategien zur Beendigung und Verhinderung schwerwiegender Verletzungen von Kinderrechten“
(Wortlaut gemäß Redetext).
„Exzellenzen, geehrte Delegierte, Kolleginnen und Kollegen, zunächst möchte ich Guyana dafür danken, dass UNICEF heute die Gelegenheit erhält, vor diesem Rat zu sprechen.
Zu Beginn möchte ich eine einfache, schmerzhafte Wahrheit aussprechen: Der diesjährige Bericht des Generalsekretärs bestätigt erneut, was zu viele Kinder bereits wissen, dass die Welt sie nicht vor den Schrecken des Krieges schützt.
Die Vereinten Nationen haben die höchste Anzahl schwerwiegender Verstöße gegen Kinder seit Beginn dieses Mandats verifiziert – ein Anstieg um 25 % gegenüber 2023, das bereits den bisherigen Höchststand markierte. Tausende Kinder wurden getötet oder verstümmelt. Tausende weitere wurden rekrutiert, entführt, vergewaltigt oder humanitärer Hilfe beraubt.
Und das sind nur die verifizierten Fälle. Wir alle wissen, dass die tatsächliche Zahl – das wahre Ausmaß des Leids – weitaus höher ist. Jede einzelne Verletzung gegenüber einem Kind in jedem Land dieser Welt stellt ein moralisches Versagen dar. Und jede hinterlässt Narben, die womöglich niemals vollständig heilen.
Exzellenzen, hinter diesen Zahlen stehen Namen, Gesichter und Leben. In Sudan wurde ein 14-jähriges Mädchen in ihrem Elternhaus von mehreren Tätern vergewaltigt. Ihre Mutter wurde währenddessen mit vorgehaltener Waffe festgehalten und angewiesen, niemandem etwas zu sagen.
In Nigeria fanden sechs Buben im Alter von neun bis zwölf Jahren einen metallischen Gegenstand und brachten ihn zu einem Schweißer, um ihn als Altmetall zu verkaufen. Die Munition explodierte, als der Schweißer sie untersuchte – und tötete ihn und die Buben.
So etwas geschieht jeden Tag – in einem Ausmaß, das kaum zu begreifen ist. In Israel und im Staat Palästina wurden allein im letzten Jahr über 8.000 schwerwiegende Verstöße verifiziert. In Gaza tragen Kinder das Hauptleid. Nirgendwo sonst auf der Welt wurden seit Einführung des Überwachungsmechanismus durch diesen Rat vor zwanzig Jahren so viele schwerwiegende Verstöße registriert.
In diesen Konflikten – und darüber hinaus – erleben wir einen Zusammenbruch der grundlegendsten Schutzmechanismen, die jedem Kind zustehen – nicht nur aus rechtlicher Sicht, sondern als Ausdruck menschlicher Würde.
Ich möchte zwei zutiefst besorgniserregende Trends hervorheben:
Erstens der zunehmende Einsatz explosiver Waffen in bewohnten Gebieten. Dies ist heute die Hauptursache für Kinderopfer in vielen Konflikten weltweit – verantwortlich für über 70 % aller Tötungen und Verstümmelungen. Diese Waffen zerreißen Häuser, Schulen, Krankenhäuser und Schutzräume – selbst wenn sich Familien darin verschanzen, in der Hoffnung, verschont zu bleiben.
Von der Demokratischen Republik Kongo bis nach Gaza und Myanmar, von Sudan bis in die Ukraine und den Libanon – Kinder werden nicht nur durch Kreuzfeuer verletzt oder getötet, sondern direkt durch Bombardierungen, Artillerieangriffe und explosive Kriegsrückstände.
Diese Waffen schaden Kindern nicht nur im Moment der Detonation. Die Zerstörung von Wasser- und Stromversorgung, Wohnraum, Gesundheitszentren, Schulen und Spielplätzen raubt ihnen den Zugang zu Gesundheit, Bildung, sauberem Wasser, einem sicheren Ort zum Schlafen und Spielen, den Grundlagen der Kindheit. Und sie hinterlassen nicht explodierte Munition, die noch jahrelang töten und verstümmeln kann.
Jedes nicht explodierte Geschoss auf einem Feld, einem Schulhof oder in einer Gasse ist ein Todesurteil auf Abruf.
Zweitens der Anstieg sexualisierter Gewalt. Verifizierte Fälle von Vergewaltigung und anderer Formen sexueller Gewalt gegen Kinder stiegen 2024 um 35 Prozent. Und wir alle wissen, wie unterberichtet solche Verbrechen sind, da insbesondere Kinder aus Angst vor Stigmatisierung, Scham oder Rache schweigen.
Diese sind nicht nur „schwerwiegende Verstöße“ im technischen Sinn. Es sind Akte der Brutalität, die Leben zerstören. Überlebende tragen nicht nur körperliche Verletzungen und Traumata davon, sondern auch Ausgrenzung, Ablehnung und oft weitere Gewalt.
In der Demokratischen Republik Kongo wurden allein in den ersten zwei Monaten 2025 fast 10.000 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Gewalt von Kinderschutzpartnern gemeldet, über 40 % der Betroffenen waren Kinder. Um es klar zu sagen: In dieser turbulenten Zeit wurde schätzungsweise alle 30 Minuten ein Kind vergewaltigt.
Haiti ist ein weiteres erschütterndes Beispiel – mit Hunderten Fällen, oft Gruppenvergewaltigungen durch bewaffnete Gruppen in Gebieten unter deren Kontrolle.
Auch in Somalia und Mali werden ähnliche Muster verifiziert – Anzeichen eines systemischen Versagens beim Schutz von Kindern. Und dennoch herrscht Straflosigkeit. Überlebende erhalten kaum Zugang zu Versorgung und Unterstützung. Täter werden nur selten zur Rechenschaft gezogen. Das muss sich ändern.
Exzellenzen, diese Fakten sind erschütternd – aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte.
Denn selbst angesichts zunehmender Gewalt und schrumpfender Ressourcen bleibt die Agenda „Kinder und bewaffnete Konflikte“ eine Quelle der Hoffnung.
2024 konnten über 16.000 Kinder bewaffnete Gruppen oder Streitkräfte verlassen und erhielten Schutz- und Reintegrationshilfe – eine Lebenslinie, um ihre Zukunft zurückzugewinnen. Und wir sahen Fortschritte in anderen Bereichen:
In Syrien unterzeichnete die oppositionelle Syrische Nationale Armee einen Aktionsplan zur Beendigung und Verhinderung der Rekrutierung, Nutzung, Tötung und Verstümmelung von Kindern.
In der Zentralafrikanischen Republik ermöglicht ein Übergabeprotokoll die zügige Übergabe von Kindern aus bewaffneten Gruppen an zivile Betreuung.
In Kolumbien wurden frühere Kommandanten wegen Kriegsverbrechen angeklagt – darunter auch wegen Rekrutierung und sexueller Gewalt gegen Kinder.
In der DR Kongo werden Kinder durch Altersprüfungen und UN-Screenings von den nationalen Sicherheitskräften getrennt.
In Haiti richteten Übergangsbehörden eine gemeinsame Taskforce zur Umsetzung von Übergabeprotokollen für Kinder ein, die bewaffneten Gruppen zugeordnet sind.
Und in Irak, Pakistan, Libyen und den Philippinen haben Regierungen konkrete Verpflichtungen zur Beendigung schwerer Verstöße eingegangen.
Diese Beispiele zeigen: Wo politischer Wille besteht, ist Fortschritt möglich. Sie unterstreichen auch die unverzichtbare Rolle von humanitärem Zugang und Kinderschutzakteuren – oft unter persönlichem Risiko.
Exzellenzen, UNICEF ruft den Rat und die Mitgliedstaaten zu dringendem Handeln in sechs zentralen Bereichen auf:
Erstens: Fordern Sie von allen Konfliktparteien die Einhaltung des humanitären Völkerrechts und ein Ende schwerer Verstöße. Dazu gehören die Unterzeichnung und vollständige Umsetzung von Aktionsplänen mit den Vereinten Nationen, die Freilassung von Kindern, klare Befehlsketten gegen Verstöße und deren Durchsetzung, sowie das Ende der Inhaftierung von Kindern wegen mutmaßlicher Verbindung zu bewaffneten Gruppen.
Zweitens: Stoppen Sie den Einsatz und die Verbreitung explosiver Waffen in bevölkerten Gebieten. Dies umfasst die Unterstützung und Umsetzung der Politischen Erklärung zu explosiven Waffen in bewohnten Gebieten, ein Ende von Waffenlieferungen an bekannte Zivilisten gefährdende Akteure sowie die Einhaltung des Minenverbots und des Übereinkommens über Streumunition.
Drittens: Schützen und erweitern Sie den humanitären Handlungsspielraum. Der Zugang wird in nie dagewesenem Ausmaß verweigert. Mehr humanitäre Helfer – darunter UN-Mitarbeitende – wurden 2024 getötet als je zuvor. Das ist inakzeptabel. Hilfe muss Kinder überall sicher und ungehindert erreichen.
Viertens: Unterstützen Sie den humanitären Dialog mit nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen, um den Schutz von Kindern zu verbessern und Zugang zu sichern. Diese Gespräche haben wiederholt konkrete Fortschritte ermöglicht – auch durch die Annahme von Aktionsplänen.
Fünftens: Finanzieren Sie diese Agenda. Massive Budgetkürzungen untergraben unsere Fähigkeit zur Überwachung, Prävention und Reaktion. Reintegrationsprogramme werden eingeschränkt. Psychosoziale Hilfe verschwindet. Spezialisierte, lebensrettende Versorgung für Überlebende sexueller Gewalt wird immer schwieriger zugänglich. Ohne verlässliche Finanzierung kann diese Agenda nicht wirken.
Sechstens: Alle Staaten sind verpflichtet, das humanitäre Völkerrecht nicht nur zu respektieren, sondern auch dessen Einhaltung durch andere sicherzustellen. Jegliche Unterstützung – militärisch, finanziell oder politisch – für Konfliktparteien muss klare Bedingungen zum Schutz von Kindern enthalten.
Exzellenzen, UNICEF wurde aus den Trümmern des Krieges geboren – um den Schutzbedürftigsten zu dienen: Kindern in bewaffneten Konflikten. Diese Mission war nie dringlicher als heute.
Kinder sind kein Kollateralschaden. Sie sind keine Soldaten. Sie sind keine Verhandlungsmasse. Sie sind Kinder. Sie verdienen Sicherheit. Sie verdienen Gerechtigkeit. Sie verdienen eine Zukunft.
Dieser Rat hat eine einzigartige Verantwortung, diese Zukunft möglich zu machen. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese schweren Verstöße gegen Kinder weiter ungestraft geschehen. Das darf nicht zur neuen Normalität werden.
Lassen Sie uns mit Dringlichkeit handeln. Lassen Sie uns mit Mut handeln. Und vor allem: Lassen Sie uns mit der Überzeugung handeln, dass jedes Kind – ganz gleich wo – in Frieden leben darf.“