Graz/ Feldbach/ Wien – Die Klimakrise ist eine Kinderrechtekrise, denn sie betrifft junge Generationen am stärksten. Wie kann die lokale Ebene darauf reagieren? Felix Sandern hat mit Kindern und Verantwortlichen in UNICEF Kinderfreundlichen Gemeinden gesprochen, und zeigt, inwiefern Kinderfreundlichkeit, Beteiligung und Klimaanpassung zusammengehören.
Kinderrechte und Klimakrise
Die Klimakrise ist eine Kinderrechtskrise. Laut dem Klima-Risiko-Index des Jahres 2021 werden eine Milliarde Kinder durch die Auswirkungen des Klimawandels als „extrem stark gefährdet“ eingestuft – das sind etwa die Hälfte aller Kinder weltweit. Aus gutem Grund bezeichnet man den Klimawandel deshalb als die größte Bedrohung für Kinder und Jugendliche in dieser Zeit. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, sie sind wegen ihrer körperlichen und psychischen Entwicklungsphase besonders vulnerabel betreffend etwa Hitzewellen und anderen Auswirkungen der Klimakrise. Kinderrechte wie Gesundheit, Bildung oder ein sicheres Zuhause sind durch die Klimakrise in Gefahr. Um globale Krisen zu bewältigen, brauchen Kinder neben speziellen Schutzmaßnahmen, welche diese Kinderrechte im Blick haben, auch echte Beteiligung, um ihre Zukunft mitzugestalten.
Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen steht auch im Fokus der Zertifizierung „Kinderfreundliche Gemeinden“ von UNICEF als Teil der globalen „Child-friendly Cities Initiative“. In Österreich wird das Zertifikat seit 2014 an Gemeinden und Region vergeben, welche sich in besonderem Maße für die Verwirklichung der Kinderrechte einsetzen. Seitdem wurden über 400 Gemeinden mit dem UNICEF-Zusatzzertifikat gewürdigt.
Kinderfreundliche Gemeinde Graz: Kinder gestalten ihre Stadt
Die Landeshauptstadt Graz ist aktuell Österreichs größte Kinderfreundliche Gemeinde. Graz setzt sich besonders für die Partizipation von jungen Menschen ein, unter anderem durch ein jährlich neu gewähltes Kinderparlament und einen Jugendrat. „Ich habe mich schon immer für Demokratie und Politik interessiert (…). Ich möchte gerne meine Themen und die Anliegen der Kinder vertreten.“, sagt der elfjährige Ilija, Kinderstadtrat der Stadt Graz. Er setzt sich besonders für Klimaschutz und sanfte Mobilität ein und hat zu diesen Themen bei der Kidical Mass eine Rede gehalten. Auch Ada, 9 Jahre, zeigt als stellvertretende Kinderbürgermeisterin eine klare Haltung gegenüber dem Klimaschutz: „Für mich bedeutet Klimaschutz, dass man auf die Umwelt aufpassen soll, vor allem auf die Luft und das Wasser. Und ja, dass man auch mehr Grün pflanzen soll und dass man öfters mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und mit dem Fahrrad fährt.“ Stolz erzählen beide von ihrem großen Erfolg: rauchfreie Spielplätze in Graz. „Ich finde es einen großen Fortschritt, dass wir als Kinderparlament die Spielplätze rauchfrei gemacht haben und wir haben auch die Tafeln gestaltet.“, erklärt Ilija. Was hier anklingt, ist zentraler Bestandteil Kinderfreundlicher Gemeinden. Kindern und Jugendlichen soll die Möglichkeit gegeben werden, sich aktiv zu beteiligen.
Die Entscheidungen auf Gemeindeebene machen sich schnell im Alltag der Kinder bemerkbar und fördern ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Von diesem Gefühl berichtet auch Ilija: „Ich finde es ist schon ein cooles Gefühl, wo man schon sehen kann (…) dass man etwas für viele Menschen getan hat. Dass es auch mein Verdienst war und dass es jetzt viele Menschen sehen. “
Auch Matthias Preinknoll, Landschaftsarchitekt im Referat Grün- und Freiraumplanung der Stadt Graz, erzählt mit großer Begeisterung von einer Erfahrung, die er während der Planung des Dagmar-Grage-Parks gemacht hat: „Das Schönste war dann eigentlich ganz zum Schluss von dieser Beteiligung ist dann ein Mädchen noch ganz aufgeregt herumgehüpft und hat gesagt, sie muss noch unbedingt etwas sagen: ’Sie würde sich bitte wünschen, alle Kinder die da jetzt beteiligt sind, später wenn der Park fertig ist, immer wieder im Park vorbeischauen und schauen, ob die Leute ihren Müll wegschmeißen und sich richtig verhalten, weil schlussendlich haben sie an dem Park mitgeplant und dementsprechend ist es auch ein bisschen ihr Park. Das ist für mich einer der Hauptgründe, warum Beteiligung (so wichtig ist). Weil die Identifikation der Bevölkerung einfach so stark damit ist.” Nach Matthias Preinknoll’s Erfahrung trägt eine inklusive Beteiligung dazu bei, dass verschiedene Gruppen in Kontakt kommen, sich gehört fühlen und sich in öffentlichen Räumen wieder wohler fühlen.
Beispiele erfolgreicher Kinderbeteiligung aus Feldbach
Auch Lion und Kevin aus der Gemeinde Feldbach teilen die positiven Erfahrungen, die sie durch die erfolgreiche Umsetzung von Projekten in ihrer Gemeinde gemacht haben. Kevin, Kinderbürgermeister des Kindergemeinderats Feldbach, beschreibt es folgendermaßen: „Wenn man das Projekt sieht, dann ist es eigentlich ein Freudegefühl und eigentlich so ein richtig cooles und lustiges Gefühl.“ Und Gründe zur Freude gibt es viele. Der Kindergemeinderat Feldbach hat sich unter anderem für das 1.000-Bäume-Pflanzprogramm, den kindergerechten Stadtspaziergang und die damit verbundene Erweiterung des Motorikparks eingesetzt. Sonja Skalnik, Vizebürgermeisterin der Stadt Feldbach, erzählt mit großer Begeisterung von den einzigartigen Perspektiven der Kinder: „(…) (Sie) gehen grundsätzlich viel unvoreingenommener an die Dinge heran. Im regulären Gemeinderat ist es natürlich so, dass man viel mehr Prozesse braucht bis da irgendetwas entsteht. (…) Im Kindergemeinderat sprudeln die Ideen einfach nur so und natürlich sind wir Erwachsenen dabei, die das dann (…) kanalisieren (…).“
Gerade angesichts der Klimakrise sind ganzheitliche Ansätze besonders gefragt. In der Vergangenheit wurden Handlungen tendenziell individualisiert und Verantwortlichkeiten institutionalisiert. Wenn Erwachsene sich nicht mehr um ihre Gemeinschaft kümmern, fehlen den Kindern Vorbilder. Gerade deshalb ist das Erlernen von Respekt gegenüber der eigenen Gemeinschaft und die Beteiligung am Gemeinschaftsleben zentrale Voraussetzung, damit sich Kinder mit ihrer Umgebung identifizieren, Eigeninitiative zeigen und Lösungskompetenz entwickeln.
Kathrin Kapeundl erlebt durch ihre Arbeit für das Kinderbüro Graz immer wieder die Veränderung, die die Kinder während ihrer Zeit im Kinderparlament durchmachen: „Mir fällt es immer wieder auf, wie die Kinderparlamentskinder einfach nachfragen, was sie wissen wollen (…) . Es ist wirklich ein großer Unterschied. (…) Manche Kinder sind die Bühne ohnehin gewohnt und manche sind es nicht gewohnt und sollen einfach einen Platz kriegen, dass sie (…) auch sagen dürfen, ohne Sorge haben zu müssen, dass irgendwer (…) sich lustig macht oder das blöd findet. (…)“ Um den Kindern demokratische Prozesse zu vermitteln, braucht es Geduld und die Bereitschaft, die Kinder dabei an die Hand zu nehmen. Für die Arbeit im Kinderparlament müssen die Kinder unter anderem lernen, zu verhandeln, die Konsequenzen einer Entscheidung zu akzeptieren und eigene Gedanken und Gefühle ohne Angst auszudrücken.
Mit den „kleinen“ Dingen anfangen
Damit Kinderbeteiligung wirksam ist, muss darauf geachtet werden, welche Fähigkeiten die Kinder mitbringen. Die Klimakrise ist ein komplexes Thema und es muss der richtige Moment gefunden werden, Kinder zu beteiligen. So berichtet Julia Wögerbauer, Senior Specialist Kinderfreundliche Gemeinden UNICEF, dass die Stimmung nach einem Workshop mit Kindern zum Thema Klimaschutz sehr gedrückt war. „Wir mussten einen guten Abschluss finden (…). Wir können nicht alles auf einmal lösen, aber wir können mit kleinen Dingen anfangen.“ In einem sind sich alle Kinder einig – mit der Klimakrise müssen sie sich in der Zukunft auseinandersetzen. „Was ist jetzt, wenn es auf einmal ultra heiß wird und es nicht mehr aufhört. Das komplett alles trocken wird und wir weniger Wasser haben. (…) Da mache ich mir schon Gedanken drüber.“, sagt Lion. Kevin überlegt oft, „(…) ob vielleicht in 50 oder 100 Jahren dann, dass es in Österreich vielleicht keinen Winter mehr gibt. Oder dass einfach alles, alle Bäume und so austrocknen.“ Wichtig ist, dass die Bedenken der Kinder wahrgenommen werden. Für Sonja Skalnik „ist (Klimaschutz) immer schon mitgeschwungen. Das war (…) für uns als Gemeinderäte ein sehr positives Beispiel, dass den Kindern ein großes Anliegen ist (…), dass viele Bäume in der Stadt gepflanzt werden. (…) Wir machen in der Stadtgemeinde viel zu diesem Thema und das haben die Kinder sicher noch einmal verstärkt.“
Klimawandelanpassung durch Kinderbeteiligung
Kinder und Jugendliche sind nicht nur Betroffene der Klimakrise, sie sind Akteur:innen des Wandels. Zu oft werden sie in Entscheidungsprozesse nicht ausreichend einbezogen – ein Versäumnis, das nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit ist, sondern auch eine verpasste Chance für wirksame Klimawandelanpassung. Was immer noch fehlt, sind verbindliche Beteiligungsprozesse, Monitoring-Indikatoren und mehr Investitionen in Institutionen wie beispielsweise der Kinderrat in Feldbach oder das Kinderparlament in Graz.
Städte, die mit und für junge Menschen geplant werden, sind nicht nur inklusiver, sondern auch widerstandsfähiger, sicherer und zukunftsorientierter. In diesem Sinne ist der Aufbau kinder- und jugendfreundlicher Städte und Gemeinden selbst eine Form der Klimawandel anpassung – er stellt sicher, dass die Generationen, die die Hauptlast der Klimafolgen tragen werden, nicht nur geschützt, sondern aktiv in die Gestaltung nachhaltiger Lebensräume einbezogen werden.
Diese Forderung stellt UNICEF auch im Rahmen der COP30: das Empowerment von Kindern und Jugendlichen, damit sie sich sinnvoll an klimapolitischen Entscheidungen beteiligen und diese beeinflussen können. Kinder und Jugendliche müssen als Akteur:innen des Wandels und wichtige Interessensgruppen in klimapolitische Entscheidungsprozesse auf allen Ebenen einbezogen werden – als Beobachter:innen, Verhandler:innen und Ideengeber:innen in den Delegationen ihrer Länder. Nur so können ihre Perspektiven, ihre Sorgen und ihre Lösungen in politische Maßnahmen einfließen. Die Sicht und Interessen von Kindern müssen daher in alle klimapolitischen Maßnahmen als eine der Hauptbetroffenen und besonders vulnerablen Gruppen einbezogen werden. Klimaschutzmaßnahmen wie Emissionsreduktion müssen ambitionierter erfolgen, um internationale Vereinbarungen einzuhalten.
Klimaschutz heißt handeln – jetzt!
Wenn Kinder, wie Ilija es sagt, sich melden, „wenn ihnen etwas am Herzen liegt“, und wenn Ada betont, dass sie „wirklich auch etwas für das Klima tun“ will, dann zeigen sie in besonderem Maße, was Klimaschutz bedeutet: Verantwortung zu übernehmen, nicht wegzusehen und zu handeln. Die Klimakrise ist eine Kinderrechtskrise. Doch sie kann auch eine Chance sein, unsere Gesellschaft hin zu mehr Mitbestimmung, Solidarität und Nachhaltigkeit zu verändern. Wenn wir Kinder nicht nur schützen, sondern ihnen zutrauen, aktiv mitzugestalten, dann gestalten wir nicht nur kinderfreundliche Gemeinden – wir gestalten eine zukunftsfähige Welt.
- Weitere Informationen zu den UNICEF Kinderfreundlichen Gemeinden in Österreich.
- Zum Toolkit „Kinder- und Jugendpartizipation in Gemeinden“
- UNICEF Report “Climate Changed Child”.
- Der Artikel ist in adaptierter Form auch auf dem ICLEI CityTalk-Blog erschienen.
Über den Autor:
Felix Sandern hat Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim studiert. Während eines Forschungsaufenthalts in Neuseeland und eines Freiwilligendiensts in Peru engagierte er sich für die Gesundheit und Bildung von Kindern und jungen Erwachsenen. Auf kommunaler Ebene setzte er sich als Mitglied des Jugendgemeinderats Leinfelden-Echterdingen für die Interessen von Kindern und Jugendlichen ein und sammelte dabei wertvolle Erfahrungen in der Kinder- und Jugendvertretung.