New York/Wien – Erklärung des stellvertretenden Exekutivdirektors von UNICEF, Ted Chaiban, nach seinem fünften Besuch im Gazastreifen und im Westjordanland.
„Carl Skau vom WFP und ich sind gerade aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland zurückgekehrt, einschließlich Ostjerusalem, wo wir die gesamte vergangene Woche verbracht haben. Und ich spreche heute zu Ihnen mit sowohl Hoffnung als auch Sorge nach diesem Besuch.
Dies war mein fünfter Besuch im Staat Palästina seit Beginn des Krieges. Zum ersten Mal seit vielen Monaten gibt es Anzeichen dafür, dass eine unvollkommene, fragile, aber lebenswichtige Waffenruhe einen Unterschied im Leben von über einer Million Kindern macht.
Seit Inkrafttreten der Vereinbarung sehen wir Verbesserungen, die sich auf das Leben von Kindern auswirken. Mehr Lkw-Ladungen mit lebensrettender Hilfe gelangen nach Gaza – wenn auch noch nicht in ausreichendem Maße, um dem Ausmaß der Bedürfnisse gerecht zu werden.
Kommerzielle Waren sind wieder auf den Märkten erschienen: Wir sahen Gemüse, Obst, Hühnerfleisch und Eier. Die Ernährungssicherheitslage hat sich verbessert, und eine Hungersnot wurde abgewendet. Freizeit- und Spielsets, die Kindern helfen sollen, mit Stress und Trauma umzugehen, erreichen nun endlich Kinder, die seit über zwei Jahren nicht mehr in Sicherheit spielen konnten. Die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln hat in mehreren Gebieten deutlich zugenommen.
UNICEF und unsere Partner haben mehr als 1,6 Millionen Menschen mit sauberem Trinkwasser erreicht. 700.000 Menschen wurden mit Decken und Winterkleidung versorgt, um sie vor der Kälte des Winters zu schützen. Zudem ist es uns kürzlich gelungen, die lebenswichtigen pädiatrischen Intensivpflegeleistungen im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt wiederherzustellen. Während Menschen – dort, wo es ihnen erlaubt ist – näher an ihre Herkunftsorte zurückkehren, deren Häuser fast vollständig zerstört sind, stehen wir ihnen mit Wasch- und Hygienesets, warmer Kleidung für Kinder sowie grundlegenden Gesundheits- und Ernährungsdiensten zur Seite. Die zweite Runde einer landesweiten Aufholkampagne für Routineimpfungen im Gazastreifen läuft derzeit und impft viele Kinder, die diese lebensrettenden Impfungen während des Krieges verpasst haben. Seit Oktober letzten Jahres wurden im Rahmen der Waffenruhe 72 von UNICEF unterstützte Ernährungseinrichtungen eingerichtet, womit sich die Gesamtzahl im gesamten Gazastreifen auf 196 erhöht hat.
Carl wird ebenfalls darüber sprechen, was das WFP und seine Partner seit der Waffenruhe erreicht haben. Diese Fortschritte sind wichtig. Sie zeigen, was möglich ist, wenn die Kämpfe pausieren, politisches Engagement anhält und humanitärer Zugang ermöglicht wird.
Doch die Lage bleibt für viele Kinder äußerst prekär und tödlich.
Seit der Waffenruhe Anfang Oktober wurden im Gazastreifen mehr als 100 getötete Kinder gemeldet. Trotz der Fortschritte bei der Ernährungssicherheit sind weiterhin 100.000 Kinder akut mangelernährt und benötigen langfristige Versorgung.
1,3 Millionen Menschen – viele von ihnen Kinder – benötigen dringend angemessene Unterkünfte. Familien leben in Zelten und zerbombten Gebäuden, ausgesetzt starkem Regen, heftigen Winden und eisigen Temperaturen. Die Bedingungen in diesen Zelten sind wirklich elend. Ich traf Eltern, die Plastikreste und Holz verbrennen, um ihre Kinder warm zu halten. Tragischerweise erhielten wir Berichte über mindestens zehn Kinder, die seit Beginn des Winters an Unterkühlung gestorben sind.
Dies ist weiterhin eine extrem prekäre Situation – das Überleben steht auf der Kippe.
Ich möchte meine tiefe Besorgnis über die Folgen der Deregistrierung internationaler NGOs zum Ausdruck bringen, da dies humanitäre Einsätze zu untergraben und die Lieferung sowie Ausweitung lebensrettender Hilfe im Gazastreifen und im Westjordanland erheblich einzuschränken droht.
Natürlich verlassen wir uns stark auf lokale Partner, doch es gibt zentrale Akteure, die wirklich unverzichtbar sind.
Und dennoch gibt es inmitten dieser Fragilität und Zerstörung auch Hoffnung. UNICEF und unsere Partner im Bildungssektor unterstützen über 250.000 Kinder dabei, wieder zu lernen. Ich sprach mit einem kleinen Mädchen namens Aya in einem von UNICEF betriebenen temporären Lernzentrum in Deir al-Balah, das ganz in sein Lernen vertieft war.
Sie erzählte mir, wie froh sie sei, wieder lernen zu dürfen, bei ihren Freunden zu sein, und dass sie davon träume, Krankenschwester zu werden, um all den Menschen zu helfen, die während des Krieges krank wurden oder verletzt worden sind. Sie träumte von einem Gaza in Frieden – mit wiederaufgebauten Häusern, funktionierenden Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und Parks zum Spazierengehen.
In den vergangenen Monaten haben wir daran gearbeitet, Kinder zurück zum Lernen zu bringen, und es hat mich sehr gefreut, Dutzende Kinder in unseren temporären Lernräumen mit großen Lächeln zu sehen, während sie nicht-formale Bildung erhalten. Für Kinder in Gaza bedeutet die Rückkehr ins Klassenzimmer nicht nur Lernen. Sie ist ein entscheidender Bestandteil der psychischen Gesundheit und psychosozialen Unterstützung. Mehr als 700.000 schulpflichtige Kinder im gesamten Gazastreifen sind seit Oktober 2023 von formaler Bildung ausgeschlossen, und wir werden in dieser Woche eine große „Back to Learning“-Kampagne ankündigen.
Es gab einige Fortschritte, aber es bleibt noch sehr viel zu tun.
UNICEF und das WFP gehören zu den führenden Organisationen, die für die Kinder Gazas Hilfe leisten.
Seit Beginn der Waffenruhe haben UNICEF und WFP mehr als 10.000 Lkw mit Hilfsgütern nach Gaza gebracht, was 80 % aller humanitären Fracht entspricht. Gemeinsam führen wir eine beschleunigte Ernährungsreaktion an. Wir arbeiten zusammen im Bildungsbereich, wobei das WFP Kindern in temporären Lernräumen Nährstoffriegel zur Verfügung stellt. Außerdem arbeiten wir gemeinsam an digitaler Bargeldhilfe, die im Laufe der Zeit mehr als eine Million Menschen erreicht.
Wenn wir es ernst meinen mit der Schaffung eines förderlichen Umfelds für Kinder in Gaza – eines Umfelds, das Ayas Traum näherkommt –, sind drei Dinge entscheidend.
Erstens muss die Waffenruhe halten und voranschreiten. Phase 2 ist nicht nur ein politischer Meilenstein, sondern eine humanitäre Notwendigkeit. Wir sind dankbar, dass die sterblichen Überreste von Ran Gvili geborgen wurden, was uns hilft, auf Phase 2 hinzuarbeiten. Es ist eine Chance, fragile Verbesserungen in etwas Dauerhafteres zu verwandeln – einschließlich umfassender Wiederaufbauarbeiten und eines sichereren Umfelds für Kinder.
Wir haben die israelischen Behörden getroffen und sie gebeten, weitere Routen für humanitäre und kommerzielle Lieferungen zu öffnen. Menschen müssen sich sicher hinein- und hinausbewegen können – für medizinische Versorgung, Familienzusammenführungen und grundlegende Dienstleistungen. Wir fordern, den Rafah-Korridor wie angekündigt wieder für den Verkehr in beide Richtungen zu öffnen und offen zu halten, damit Kinder, die dringend medizinisch evakuiert werden müssen, bessere Behandlungschancen haben.
Dasselbe gilt für Kerem Shalom, Zikim, Kissofim, Erez Ost und Erez West. Alle verfügbaren Übergänge müssen gleichzeitig betrieben werden, mit sicheren Korridoren über Jordanien und Ägypten. Innerhalb des Gazastreifens würde die Wiedereröffnung der Salah-Al-Din-Straße die Transporteffizienz grundlegend verändern.
Wir benötigen umfassende Verbesserungen bei Unterkünften, einschließlich winterfester Zelte und stabilerer temporärer Wohnlösungen. Wir brauchen temporäre Lernräume, damit Kinder wieder irgendeine Form von Bildung aufnehmen können. Dringende Reparaturen an Wasser- und Stromnetzen sind notwendig, um grundlegende Dienstleistungen wiederherzustellen.
Zweitens stellt das Nationale Komitee für die Verwaltung Gazas (NCAG) eine echte Chance dar, den humanitären Zugang zu verbessern und den Übergang zu früher Erholung und Wiederaufbau zu ermöglichen – sofern es vollständig operationalisiert und unterstützt wird und den Palästinensern Handlungsspielraum für den weiteren Weg gibt.
Drittens benötigen humanitäre Einsätze Planbarkeit und können genutzt werden, um frühe Erholung und Wiederaufbau anzustoßen. Wesentliche Güter für Wasser- und Sanitärversorgung – einschließlich sogenannter Dual-Use-Güter, die wir vollständig nachverfolgen können – sowie Materialien für Lernen und Bildung müssen zugelassen werden. Wir haben heute Hinweise darauf, dass einige der Lernmaterialien beginnen, die erforderlichen Genehmigungen zu erhalten. Zudem ist es so, dass die humanitären UN-Akteure vor Ort über die Kontakte verfügen, die Kontexte kennen, in denen Systeme zusammengebrochen sind, und wissen, was getan werden muss, um sie zu reparieren. Daher sind sie am besten positioniert, um frühe Erholungs- und Wiederaufbaupläne im Einklang mit internationalen Normen und Standards zu unterstützen.
WFP und UNICEF sind bereit, all dies auszuweiten. Wir haben die benötigten Lieferungen positioniert. Wir haben unser engagiertes Personal, das vor Ort hervorragende Arbeit leistet. Und wir haben Pläne, die sofort aktiviert werden können, sobald der Zugang gewährt wird und wir entschlossen in Phase 2 eintreten.
Die Kinder von Gaza und des Staates Palästina – einschließlich des Westjordanlands, das ebenfalls eine Welle der Gewalt erlebt – brauchen kein Mitgefühl. Sie brauchen jetzt Entscheidungen, die ihnen Wärme, Sicherheit, Nahrung, Bildung und eine Zukunft geben.
Wir haben eine Chance, ein Zeitfenster, um den Kurs für diese Kinder zu ändern. Wir dürfen sie nicht ungenutzt lassen.
Vielen Dank.“
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