Stellungnahme von UNICEF-Vizeexekutivdirektorin Hannan Sulieman bei der Sitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen zur eskalierenden Gewalt im Westjordanland.
New York/Wien – „Herr Präsident … Exzellenzen … ich danke Dänemark für die Einberufung dieses wichtigen Briefings.
Wir kommen heute zusammen, während sich die Situation der Kinder im gesamten besetzten Westjordanland, einschließlich Ost-Jerusalems, weiter verschlechtert.
Eine Großmutter berichtete UNICEF-Kolleginnen und -Kollegen, dass sie sich sogar davor fürchte, das Haus zu verlassen, um den Müll hinauszubringen, weil es beinahe täglich zu Angriffen von Siedlern komme. Sie schilderte, wie eine improvisierte Brandgranate in ihre Küche geworfen wurde und das Haus in Brand setzte, während sich ihre Enkelkinder darin befanden.
Seitdem hat sie die Fenster mit Wellblech verkleidet, um ihre Familie zu schützen. Doch das anhaltende Gefühl von Angst und Unsicherheit verfolgt sie weiterhin, insbesondere wenn es um die Sicherheit der Kinder auf dem Weg zur Schule und zurück nach Hause geht.
Stellen Sie sich vor, Kinder unter solchen Bedingungen großzuziehen. Hinter mit Metallplatten verdeckten Fenstern zu leben … Angst zu haben, vor die Tür zu gehen … Angst davor zu haben, was Ihren Kindern auf dem Schulweg passieren könnte … Angst davor zu haben, in den eigenen vier Wänden Gewalt ausgesetzt zu sein. Für viel zu viele palästinensische Familien sind diese Ängste Teil des Alltags geworden.
In den vergangenen drei Jahren haben die Gewalt durch Siedler sowie zunehmend militarisierte Operationen im gesamten Westjordanland stark zugenommen. Kinder wurden getötet und verletzt. Familien wurden vertrieben. Häuser, Schulen und lebenswichtige Infrastruktur wurden angegriffen oder zerstört.
Und die grundlegenden Räume der Kindheit – das Zuhause, das Klassenzimmer, die Straße, die Gemeinschaft – werden zunehmend unsicher.
Exzellenzen … die Zahlen zeigen, wie ernst die Lage geworden ist.
Zwischen Jänner 2024 und Ende Juli dieses Jahres wurden nach Verifizierung durch die Vereinten Nationen 174 palästinensische Kinder im Westjordanland einschließlich Ost-Jerusalems getötet, das entspricht mehr als einem Kind pro Woche. Mehr als 1.500 Kinder wurden verletzt. Fast die Hälfte der Verletzten wurde durch scharfe Munition verwundet. Im gleichen Zeitraum wurden drei israelische Kinder getötet und 15 verletzt.
Buben, insbesondere Jugendliche, machen den Großteil der getöteten und verletzten Kinder aus.
Die Vereinten Nationen beobachten und verifizieren weiterhin schwere Verstöße gegen die Rechte von Kindern im Westjordanland. Dazu gehören Vorfälle, bei denen Kinder erschossen wurden, obwohl von ihnen keine unmittelbare Gefahr ausging. Einige wurden beim Weglaufen angeschossen, andere gerieten schlicht in die Gewalt, die sie umgab.
Gleichzeitig nimmt die Gewalt durch Siedlerinnen und Siedler zu. Diese hat zu schweren Verstößen gegen die Rechte von Kindern geführt, die der Generalsekretär in seinem jüngsten Jahresbericht über Kinder und bewaffnete Konflikte benannt hat. Zu den dokumentierten Vorfällen gehören Kinder, die angeschossen, geschlagen, mit Messern angegriffen oder mit Pfefferspray besprüht wurden … Angriffe auf Häuser und Lebensgrundlagen … sowie die Beschädigung oder Zerstörung von Wasserinfrastruktur.
Und wie bereits im jüngsten Jahresbericht des Generalsekretärs zu Kindern und bewaffneten Konflikten erwähnt, bleibt die Rechenschaftspflicht für schwere Verstöße gegen die Rechte von Kindern äußerst selten.
Diese Vorfälle hinterlassen mehr als nur körperliche Wunden. Kinder, die schwere Verletzungen überleben, müssen möglicherweise ihr ganzes Leben mit Behinderungen leben. Einige werden festgenommen. Andere haben Schwierigkeiten, in die Schule zurückzukehren.
Kinder Gewalt, Razzien, Einschüchterungen und Vertreibungen auszusetzen, hat tiefgreifende psychologische Folgen.
Eltern berichten uns von Kindern mit Schlafproblemen … von Kindern, die Angst haben, das Haus zu verlassen … von Kindern, die sich aus der Schule und ihrem sozialen Umfeld zurückziehen.
Und Eltern berichten uns von etwas ebenso Verheerendem: dass sie sich nicht länger in der Lage fühlen, ihre Kinder zu schützen. Das ist eine schreckliche Realität für jede Mutter und jeden Vater. Und es ist eine schreckliche Realität für jedes Kind.
Exzellenzen … die Auswirkungen reichen weit über die unmittelbar von Gewalt betroffenen Kinder hinaus.
Nach Angaben des Bildungsclusters stehen mehr als 800.000 Kinder im Westjordanland einschließlich Ost-Jerusalems vor Hindernissen beim sicheren und kontinuierlichen Zugang zu Bildung. Ursache dafür sind Schulschließungen, Unsicherheit, Bewegungseinschränkungen und Schäden an der Infrastruktur. Allein im Jahr 2026 wurden 99 bildungsbezogene Vorfälle dokumentiert. Dazu gehörten Kinder, die in Schulen oder auf dem Schulweg getötet, verletzt oder festgenommen wurden; der Abriss von Schulen; die Nutzung von Schulgebäuden durch Militärkräfte; sowie die Verweigerung des Zugangs zu Bildung.
Eltern kämpfen darum, ihren Kindern weiterhin Bildung zu ermöglichen, wenn bereits der Schulweg gefährlich sein kann.
Nach Angaben von OCHA wurden im gesamten Westjordanland in den vergangenen zweieinhalb Jahren mehr als 900 zusätzliche Bewegungsbarrieren und -beschränkungen eingeführt. Viele Tore sind häufig geschlossen, was zu erheblichen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und des Zugangs zu grundlegenden Dienstleistungen führt, darunter Gesundheitsversorgung und Wasserquellen.
Während einer jüngst durchgeführten UNICEF-Mission im Westjordanland wurde Kolleginnen und Kollegen berichtet, dass Siedlerangriffe Wasserinfrastruktur und technische Anlagen beschädigt haben, darunter Wasserleitungsnetze und Speichertanks. Dies hat den Zugang zu sauberem Wasser sowie zu weiteren grundlegenden WASH-Dienstleistungen (Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene) eingeschränkt. In einigen Gebieten wird zudem die Erschließung neuer Wasserquellen behindert, sodass die Bewohner nun auf teure Wasserlieferungen per Tankwagen angewiesen sind.
Zugangsbeschränkungen werden zusätzlich durch wiederholte Einschüchterungen an Kontrollpunkten verschärft, die Zivilpersonen davon abhalten oder sie daran hindern, diese zu passieren.
Exzellenzen, auch die Situation von Kindern in Haft gibt Anlass zu großer Sorge. Nach Angaben des israelischen Strafvollzugsdienstes befinden sich derzeit mindestens 355 palästinensische Kinder aus dem Westjordanland in israelischer Militärhaft – die höchste Zahl seit acht Jahren.
Fast die Hälfte von ihnen – 164 Kinder – befindet sich in Verwaltungshaft, ohne Anklage oder Gerichtsverfahren.
Kinder in Haft berichten weiterhin von Gewalt, Misshandlungen, erniedrigender und entwürdigender Behandlung sowie harten Haftbedingungen. Wiederholt wird von unzureichender Ernährung und mangelnder Hygiene berichtet, was bei inhaftierten Kindern zu extremem Gewichtsverlust und einer weit verbreiteten Krätzeinfektion geführt hat.
In diesem Jahr sprach ein UNICEF-Partner mit einem Buben, der mitten in der Nacht aus seinem Zuhause heraus festgenommen wurde. Er war körperlicher Gewalt ausgesetzt, wurde mit gefesselten Händen und verbundenen Augen festgehalten und erlebte verschiedene Rechtsverletzungen. Während der Verhöre wurde das Kind mehr als 20 Tage lang in Einzelhaft gehalten.
Exzellenzen … die dramatische Lage der Kinder wird zusätzlich durch wachsende Hindernisse beim humanitären Zugang und bei der Bereitstellung wichtiger Dienstleistungen verschärft.
Lokalen Behörden wurden Steuereinnahmen vorenthalten, sodass sie Gesundheits- und Bildungsfachkräfte nicht bezahlen können. Dies beeinträchtigt den Zugang von Kindern zu grundlegenden Dienstleistungen. Kinder, die medizinische Behandlung benötigen, müssen diese erreichen können. Humanitäre Helferinnen und Helfer sowie ihre Partner müssen Kinder sicher erreichen können, unabhängig davon, wo diese leben.
Trotz dieser Herausforderungen bleiben UNICEF und unsere Partnerorganisationen vor Ort aktiv.
Wenn Familien zwangsweise vertrieben werden, leisten UNICEF und seine Partner Nothilfe, bieten psychosoziale und psychische Unterstützung, Bargeldhilfen, Trinkwasser und Hygieneleistungen an und unterstützen die Fortsetzung der Bildung.
Doch humanitäre Hilfe kann die Folgen lediglich abmildern.
Sie kann die Ursachen nicht beseitigen. Dafür ist politisches Handeln erforderlich.
Daher richte ich heute vier dringende Forderungen an diesen Rat.
Erstens: Schützen Sie die Kinder.
Das humanitäre Völkerrecht und die internationalen Menschenrechtsnormen müssen strikt eingehalten und umgesetzt werden.
Standards für die Strafverfolgung müssen respektiert werden. Tödliche Gewalt darf nur dann eingesetzt werden, wenn sie zum Schutz von Menschenleben unbedingt unvermeidbar ist. Überall dort, wo Kinder anwesend sein könnten, müssen besondere Schutzmaßnahmen ergriffen werden.
Die Verwaltungshaft von Kindern muss beendet werden, und alle Verfahren, die palästinensische Kinder im Militärjustizsystem betreffen, müssen mit internationalen Standards des Jugendstrafrechts und der Kinderrechte in Einklang gebracht werden.
Wir schließen uns dem Aufruf des Generalsekretärs an und fordern Israel auf, mit den Vereinten Nationen einen Aktionsplan zur Beendigung und Verhinderung schwerer Verstöße gegen die Rechte von Kindern zu vereinbaren und umzusetzen.
Zweitens: Beenden Sie die Zwangsvertreibung palästinensischer Kinder und Familien.
Die Mitgliedstaaten müssen ihren politischen und diplomatischen Einfluss nutzen, um weitere Vertreibungen zu verhindern und klarzumachen, dass Gewalt gegen Kinder, Familien und Gemeinschaften in keiner Weise toleriert wird.
Drittens: Schützen Sie den Zugang von Kindern zu Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen grundlegenden Dienstleistungen.
Kinder müssen Schulen sicher erreichen können. Und Kinder, die medizinische Behandlung benötigen, müssen Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen erreichen können.
Viertens: Schützen Sie humanitäre Einsätze.
Lebenswichtige Hilfsgüter müssen ohne unnötige Verzögerungen in das Westjordanland und innerhalb des Westjordanlands transportiert werden können.
Öffentliche Dienstleistungen, von denen Kinder und Familien abhängen, müssen vor Unterbrechungen geschützt werden.
Und humanitäre Organisationen sowie ihre Partner müssen sicher, unabhängig und ohne administrative Maßnahmen arbeiten können, die sie daran hindern, bedürftige Kinder zu erreichen.
Exzellenzen … die humanitären Folgen der Ereignisse im Westjordanland sind tiefgreifend.
Doch hinter jeder Statistik steht ein Kind … ein Kind, das Angst hat, zur Schule zu gehen … ein Kind, das sich von einer Schussverletzung erholt … ein Kind in Haft … ein Kind, das miterlebt, wie das Zuhause seiner Familie abgerissen wird …
Und ein Kind, das hinter Wellblech schläft, weil seine Großmutter verhindern will, dass erneut Feuer durch das Fenster eindringt.
Dies sollten nicht die prägenden Erfahrungen einer Kindheit sein.
Kinder im Westjordanland haben dieselben Rechte wie Kinder überall auf der Welt: das Recht zu leben, zu lernen, geschützt zu werden und sich eine Zukunft jenseits von Gewalt und Angst vorzustellen.
UNICEF wird sich weiterhin für den Schutz aller Kinder einsetzen und jedem Kind, das wir erreichen können, humanitäre Hilfe und Schutz bieten.
Doch humanitäre Organisationen können die politischen Rahmenbedingungen, die Kinder für ihre Sicherheit benötigen, nicht schaffen.
Diese Verantwortung liegt bei den Mitgliedstaaten, die die Macht haben, diese Bedingungen zu verändern.
Ich danke Ihnen.“
Hinweise
Bleiben Sie immer informiert und abonnieren Sie den UNICEF Österreich WhatsApp-Channel.
Weitere Informationen und Spendenmöglichkeiten für die UNICEF Nothilfe im Gazastreifen.
Jetzt spenden und Kindern in Not helfen!
Spendengrund