Dies ist eine Zusammenfassung der Aussagen von UNICEF-Vizesprecher Ricardo Pires, die ihm zugeschrieben werden können, bei der heutigen Pressekonferenz im Palais des Nations in Genf.
Genf/Wien – „In den vergangenen zwei Wochen wurden im Gazastreifen trotz einer vereinbarten Waffenruhe fünf Buben und zwei Mädchen durch Luftangriffe, Drohnenangriffe und Schusswaffen getötet. Mindestens 33 Kinder wurden dabei schwer verletzt. Zwei weitere Buben starben an Verletzungen, die sie bereits zuvor erlitten hatten.
Etwas mehr als ein Jahr nach der Verkündung der Waffenruhe wurden zudem mehr als 340 Kinder als getötet gemeldet, Hunderte weitere wurden verletzt.
Vor allem für die Familien, die um ihre Kinder trauern, entsprechen diese erschütternden Zahlen keineswegs dem, was die meisten Menschen unter einer Waffenruhe verstehen würden.
Ein heute veröffentlichter neuer UNICEF-Bericht legt die erschütternden menschlichen Kosten eines Krieges offen, der Kinder weiterhin verwüstet und ihnen das Leben, die Kindheit und die Zukunft nimmt.
Rund 800.000 Kinder sind nach wie vor vertrieben und die meisten leben in Zelten oder in gefährlichen, zerbombten Gebäuden.
Schätzungsweise 60.000 Kinder in Gaza haben während des Krieges oder seit der Waffenruhe einen oder beide Elternteile verloren.
Nahezu jedes Kind benötigt irgendeine Form psychosozialer beziehungsweise psychischer Unterstützung, um sich zu erholen.
Und nun, da wir erneut auf den Winter zugehen, stehen diese Kinder vor einem vierten Jahr des Überlebenskampfes unter katastrophalen Bedingungen. Beschädigte Zelte, fehlende sanitäre Einrichtungen und ein Leben auf engstem Raum in allem, was Familien als notdürftige Unterkunft nutzen können, prägen ihren Alltag.
Obwohl die Waffenruhe mehr humanitäre Hilfe und kommerzielle Lieferungen in den Gazastreifen ermöglicht hat und sich die Ernährungssicherheit verbessert hat, durchdringen die Folgen des Krieges für die Kinder in Gaza jeden einzelnen Aspekt ihres täglichen Lebens: wo sie schlafen, was sie essen, ob sie lernen können, ob sie sich sicher genug fühlen, um zu spielen, und ob die Menschen, die sie lieben, noch an ihrer Seite sind.
So wie bei der 16-jährigen Norhan, die meine Kolleginnen und Kollegen kürzlich getroffen haben. Ihre Mutter wurde angeschossen, als sie im achten Monat schwanger war. Sie brachte ihr Baby zur Welt und starb am darauffolgenden Tag.
Norhans Vater lebt mit einer Behinderung, daher kümmert sie sich nun um ihre einjährige Schwester Narjis und trägt die volle Verantwortung für sie. Ihre Tage verbringt sie damit, den Haushalt zu führen, zu kochen und mit Narjis zu spielen. Drei ihrer weiteren Geschwister besuchen ein von UNICEF unterstütztes Lernzentrum, und Norhan hilft ihnen nach dem Unterricht bei ihren Aufgaben. Wie sie selbst sagt: ‚Vielleicht haben sie dadurch eine Zukunft.‘
Seit der Waffenruhe sind mehr als 560.000 Kinder wieder zum Lernen zurückgekehrt, darunter auch in mehr als 200 von UNICEF unterstützten Lernzentren. In diesem Jahr haben wir mehr als 380.000 Menschen digitale Bargeldhilfen zur Verfügung gestellt, die für viele eine lebenswichtige Unterstützung darstellen. Darüber hinaus versorgen wir weiterhin 1,2 Millionen Menschen mit sauberem Wasser, beseitigen feste Abfälle und liefern medizinische Hilfsgüter.
Diese Arbeit ist von entscheidender Bedeutung und rettet Leben. Doch sie reicht bei Weitem nicht aus, um die Dienstleistungen wieder in dem Zustand bereitzustellen, in dem sie sein sollten.
Das gilt beispielsweise für die sanitäre Infrastruktur. Alle sechs Abwasseraufbereitungsanlagen sind weiterhin außer Betrieb.
Der Großteil des ungeklärten Abwassers wird direkt ins Meer gepumpt und beeinträchtigt die Küstengebiete über viele Kilometer hinweg.
Es gibt riesige Abwasseransammlungen, darunter das Regenrückhaltebecken Sheikh Radwan, das bereits zur Hälfte gefüllt ist. Da die Winterregen rasch näher rücken, läuft uns die Zeit davon, dieses Wasser abzupumpen.
Wie wir bereits vor einem Jahr gewarnt haben, könnte kontaminiertes Wasser überlaufen und tiefer gelegene Wohngebiete überfluten, mit potenziell lebensbedrohlichen Folgen für Kinder und ihre Familien. Kinder sind bereits früher in mit Abwasser verunreinigtem Wasser ertrunken.
Das Becken könnte innerhalb von zwei Wochen entleert werden. Die dafür notwendige Ausrüstung wurde jedoch von Israel bislang nicht zur Einfuhr in den Gazastreifen zugelassen.
Die Bedürfnisse sind enorm, und die verfügbaren Mittel reichen bei Weitem nicht aus. Genau deshalb sind flexible, vorhersehbare und nachhaltige Ressourcen sowie langfristige Finanzierung entscheidend, um Kinder und Familien erreichen zu können.
Familien, die in beschädigten Unterkünften und überfüllten Vertriebenensiedlungen leben, sorgen sich zunehmend darum, ob ihre Kinder den harten Winter mit Kälte und Regen überstehen werden.
Doch trotz allem halten Kinder, wie immer, an ihrer Hoffnung fest. Norhans Traum ist es, Apothekerin zu werden. Diesen Traum hat sie nicht aufgegeben, auch wenn sie selbst nicht erwartet, dass er in Erfüllung geht.
Die Zukunft, die sich die Kinder in Gaza wünschen, ist eine Zukunft, in der sie einfach ihre Kindheit leben können, so wie es ihr Recht ist. Damit dies Wirklichkeit wird, brauchen Kinder jetzt eine echte Waffenruhe und die vollständige Umsetzung des Friedensplans.
Kinder brauchen Sicherheit und Schutz, unabhängig davon, ob sie sich im Gazastreifen, im Westjordanland oder in Israel befinden.
Kinder müssen sich erholen können, beginnen zu heilen und in ein normales Leben zurückfinden.
Dafür müssen die Mitgliedstaaten das Wohl der Kinder an erste Stelle setzen.
Dafür müssen die israelischen Behörden die Einfuhr von Materialien, Ausrüstung und technischem Gerät ermöglichen, die für die Wiederherstellung der Infrastruktur und die Wiederaufnahme grundlegender Dienstleistungen erforderlich sind. Ohne ausreichende Mengen an Ersatzteilen, Generatoren und Motoröl können selbst die noch funktionierenden Dienste nicht aufrechterhalten werden.
Dafür müssen die Konfliktparteien die Bedingungen der Waffenruhe, die Resolution 2803 des UN-Sicherheitsrats sowie ihre Verpflichtungen nach dem humanitären Völkerrecht einhalten.
Vor allem aber müssen wir den Stimmen der Kinder in Gaza zuhören.
Für Kinder bedeutet Erholung, wieder zur Schule gehen zu können, Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, eine menschenwürdige Unterkunft zu haben, die ihre Würde wahrt, sicher spielen zu können, medizinische Versorgung zu erhalten, wenn sie diese benötigen, und ein Gefühl von Stabilität und normalem Kinderalltag zurückzugewinnen.
So muss die Zukunft für palästinensische Kinder aussehen.
Die Kinder in Gaza haben viel zu viel und viel zu lange gelitten.“
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