Ukraine: Ein Bub aus Kharkiv in seinem Zimmer.

Dies ist eine Zusammenfassung der Aussagen von Munir Mammadzade, UNICEF-Repräsentant in der Ukraine, beim heutigen Pressebriefing im Palais des Nations in Genf.

Cherson/Genf/Wien – „In einer eisigen Nacht Ende Jänner griff Kateryna ihre beiden Kinder und lief in den Flur. Die Explosionen waren lauter als sonst, selbst für die Verhältnisse in Cherson, und plötzlich riss eine Explosion ihr Zuhause auseinander.

Die 16-jährige Daria und der achtjährige Artem wurden durch Splitter verletzt. Kateryna musste operiert werden, doch wie durch ein Wunder überlebten sie alle.

Ein lokales, von UNICEF unterstütztes mobiles Kinderschutzteam besuchte die Familie umgehend im Krankenhaus, um psychosoziale Unterstützung zu leisten sowie Zugang zu Bargeldhilfe und lebenswichtigen Hilfsgütern zu ermöglichen. Heute erholt sich die Familie, doch das Haus, das sie außerhalb der Stadt mieten, bietet kaum Schutz vor diesem brutalen Krieg.

Die Tragödie ist, dass es auch vier Jahre nach Beginn des groß angelegten Krieges nur wenige Orte gibt, die Sicherheit bieten. In der Stadt und Region Cherson, wo ich mich heute befinde, ist der Alltag für Kinder und Familien eine Frage des Überlebens.

Dieses Frontgebiet ist mit Anti-Drohnen-Netzen überspannt, und die Kindheit hat sich buchstäblich in den Untergrund verlagert.

Von den 60.000 Kindern, die einst friedlich mit ihren Familien und Freundinnen und Freunden hier lebten, sind nur noch etwa 5.000 geblieben, nachdem ihre Kindheit am 24. Februar 2022 für immer erschüttert wurde.

Heute lernen, spielen und schlafen Kinder in Kellern, nur um in Sicherheit zu sein.

In diesem von UNICEF unterstützten Kinderschutzzentrum habe ich mit Familien und Mitarbeitenden gesprochen, darunter Psychologinnen und Psychologen sowie Fallmanagerinnen und Fallmanager. Sie alle berichten von der enormen Erschöpfung, die Familien erleiden, weil sie rund um die Uhr in einem Zustand höchster Alarmbereitschaft leben.

Die ständige Angst vor Angriffen, endlose Aufenthalte in Kellern und Schutzräumen sowie die Isolation zu Hause mit nur begrenzten sozialen Kontakten haben Kinder und Jugendliche stark belastet, mit Folgen für ihre psychische und körperliche Gesundheit.

Gleichzeitig bieten Orte wie dieser hier eine gewisse Zuflucht vor den Schrecken über der Erde, und es gibt eine außergewöhnliche Entschlossenheit, das Leben fortzusetzen. UNICEF hilft Kindern und Familien genau dabei.

In Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und Partnern unterstützen wir sieben Kinderschutzzentren in der Region Cherson und ermöglichen durch mobile Teams lebensrettende Kinderschutzmaßnahmen, während wir gleichzeitig alternative Betreuungsangebote für die besonders gefährdeten Kinder stärken.

Wir haben Räume für frühkindliche Bildung und digitales Lernen eingerichtet sowie Jugendzentren geschaffen, um die Entwicklung von Fähigkeiten und soziale Kontakte zu fördern. Außerdem leisten wir finanzielle Winterhilfe und unterstützen lokale Versorgungsbetriebe bei Reparaturen und Modernisierungen, damit Heizung und Wasserversorgung aufrechterhalten werden können. Diese Maßnahmen werden in Frontgebieten und darüber hinaus umgesetzt.

Sicherheit zu finden sollte für keine Familie eine ferne Hoffnung sein, doch für viele ist sie es. Während wir in das fünfte Jahr dieses Krieges eintreten, ist jedes dritte Kind in der Ukraine weiterhin vertrieben. Das sind nahezu 2,6 Millionen Kinder. Fast 1,8 Millionen dieser Kinder leben als Geflüchtete außerhalb des Landes. Mehr als 791.000 Kinder sind innerhalb der Ukraine vertrieben.

Der Krieg ist in den Frontgebieten besonders intensiv, doch er verfolgt Kinder auch weit entfernt von der Frontlinie in Cherson. Angriffe auf zivile Gebiete dauern im ganzen Land an und zerstören das Leben von Kindern, ihre Häuser, Schulen, Krankenhäuser und die Infrastruktur, auf die sie angewiesen sind.

So hat sich beispielsweise die Zahl der getöteten oder verletzten Kinder in der Stadt und Region Kyjiw im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2024 nahezu vervierfacht.

Eine aktuelle UNICEF-Umfrage ergab, dass jedes dritte Kind bzw. jeder dritte Jugendliche im Alter von 15 bis 19 Jahren mindestens zweimal vertrieben wurde, wobei die Suche nach Sicherheit als häufigster Fluchtgrund genannt wurde. Auch der Wunsch nach besserem Zugang zu Bildung und Möglichkeiten zur Entwicklung von Fähigkeiten spielte eine wichtige Rolle bei der Entscheidung zur Flucht.

Kinder und Jugendliche haben ihre Hoffnung auf ihre Zukunft nicht aufgegeben – und wir auch nicht.

UNICEF arbeitet in der gesamten Ukraine sowie in den benachbarten Aufnahmeländern daran, Kinder zu unterstützen, die von Vertreibung und anhaltender Gewalt betroffen sind.

Gemeinsam mit lokalen Partnern vor Ort werden wir unsere groß angelegte lebensrettende humanitäre Hilfe fortsetzen und gleichzeitig Wiederaufbau und Reformen vorantreiben, die Kinder und junge Menschen in den Mittelpunkt stellen. Diese Arbeit ist dringend und unverzichtbar, um das Leben von Kindern heute sowie ihre Zukunft und die Zukunft des Landes zu schützen und zu verbessern.

Was jedes Kind jetzt braucht, ist ein dauerhafter Frieden, damit es in Sicherheit und Stabilität aufwachsen kann – das ist ihr Recht, und dieses Recht muss ausnahmslos respektiert werden.

Kinder in der gesamten Ukraine haben viel zu lange gelitten. Sie träumen weiterhin davon, ihre Zukunft zu verwirklichen, und es liegt an uns allen, dies möglich zu machen.“

UNICEF bittet weiterhin um Unterstützung der Nothilfe Ukraine.

Hinweise:

Foto- und Videomaterial aus der Ukraine zur redaktionellen Nutzung.

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