Nach einem Besuch in der Ukraine: Dies ist eine Zusammenfassung der Aussagen von Ricardo Pires, stellvertretender globaler UNICEF-Sprecher, denen die zitierten Aussagen zugeschrieben werden können. Die Stellungnahme wurde heute bei der Presseunterrichtung im Palais des Nations in Genf abgegeben.
Sumy/Wien – „Fast fünf Jahre nach Beginn des Krieges in der Ukraine wird das Recht von Kindern auf Bildung weiterhin angegriffen – mit Folgen, die eine ganze Generation prägen werden.
Bereits 15 Tage nach Beginn des neuen Schuljahres wurden landesweit mehr als 1.000 Luftalarmmeldungen registriert. Das ist die höchste Zahl für diesen Zeitraum in den vergangenen fünf Jahren und nahezu doppelt so hoch wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Das entspricht mehr als 100 Alarmen pro Tag und mindestens vier pro Stunde. Sumy, von wo aus ich heute zu Ihnen spreche, gehört gemeinsam mit Mykolajiw und Odessa zu den drei Regionen, die in diesem Jahr am stärksten betroffen waren. Niemand nimmt diese Alarme stärker und tiefer wahr als Kinder.
Ich befinde mich derzeit in einem von 22 unterirdischen Schutzräumen, die mit Unterstützung von UNICEF zu Schulen für Kinder in frontnahen Gebieten umgebaut wurden. Diese Einrichtung bietet Platz für bis zu 300 Kinder. Hier in Sumy ist praktisch jede zweite Bildungseinrichtung durch den Konflikt beschädigt oder zerstört worden. Es ist herzzerreißend zu sehen, wie ein Ort, der dem Lernen und dem Schutz dienen sollte, zu Trümmern geworden ist.
Im ganzen Land zeigt sich ein ebenso düsteres Bild. Nach Schätzungen der Regierung wurden zwischen Jänner und August dieses Jahres Hunderte weitere Bildungseinrichtungen beschädigt. Damit steigt die Gesamtzahl der seit Beginn des Krieges in der Ukraine beschädigten oder zerstörten Bildungseinrichtungen auf über 4.200. Kinder, deren Hoffnung, einfach eine Schule besuchen zu können, weiterhin durch den Konflikt zunichtegemacht wird, erleben einen scheinbar endlosen Kreislauf von Traumata.
Die Kosten für Kinder gehen weit über zerstörte Gebäude, psychische Narben und laute Sirenen hinaus.
Die Ergebnisse der jüngsten OECD-PISA-Studie, die vergangene Woche veröffentlicht wurden, zeigen, dass ein erheblicher Anteil der 15-jährigen Jugendlichen in der Ukraine, die an dem Test teilgenommen haben – viele von ihnen verbrachten die letzten fünf Schuljahre in Kriegsgebieten –, bislang kein Kompetenzniveau erreicht hat, das ihnen erlaubt, erfolgreich auf ihrer bisherigen Bildung aufzubauen. Dadurch verringern sich ihre Möglichkeiten für weiterführende Bildung, qualifizierte Beschäftigung und eine vollwertige gesellschaftliche Teilhabe im Erwachsenenalter.
Rund ein Drittel erreichte das grundlegende Leistungsniveau in Naturwissenschaften nicht, und etwa die Hälfte erreichte es weder in Mathematik noch im Lesen. Verglichen mit dem Durchschnitt der OECD entspricht dies einem Lernrückstand von zwei Schuljahren im Lesen sowie eineinhalb Schuljahren in Mathematik und Naturwissenschaften.
Ebenso verfehlten 56 Prozent die Mindestanforderungen in mindestens einem der getesteten Fächer – Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften –, und fast drei von zehn Jugendlichen (29 Prozent) erreichten in keinem der drei getesteten Bereiche das grundlegende Leistungsniveau.
Laut Schulleitungen besuchen 61 Prozent der ukrainischen Schülerinnen und Schüler Schulen, die von einem Mangel an Lernmaterialien und Ausrüstung betroffen sind. 54 Prozent besuchen Schulen, denen ausreichend digitale Ressourcen fehlen. Aus Sicherheitsgründen stammen diese Daten lediglich aus 17 Regionen der Ukraine. Deshalb ist davon auszugehen, dass Schulen in Frontnähe noch schlechter ausgestattet sind.
Trotz des Krieges hat die Ukraine eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit beim Erhalt ihres Bildungssystems gezeigt. Dies wird durch die stabile Entwicklung der Ergebnisse zwischen 2022 und 2025 bestätigt. Dennoch gilt weiterhin unsere Warnung: Kinder in der Ukraine brauchen Frieden, um richtig lernen zu können.
Nach fast fünf Jahren Krieg ist die Schule einer der wenigen Orte, an denen Kinder noch ein Gefühl von Normalität erleben können – Freundinnen und Freunde, Lehrkräfte, Routinen und einen Ort, an dem sie sich sicher fühlen. Das ist wichtig, denn dieser Krieg fordert einen enormen psychologischen Tribut von ihnen.
Die neunjährige Sabrina erzählte mir gestern, wie sehr sie es vermisst hatte, wieder mit ihren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden zusammen zu sein – trotz der Gefahren über der Erde. „Es ist so schön, wieder zusammen zu sein und nicht online lernen zu müssen. Ich vermisse nur unsere normalen Spaziergänge und die Zeit zum Spielen draußen, aber jetzt ist es zu gefährlich, deshalb bleiben wir den ganzen Tag drinnen“, erklärte sie und berichtete dies dennoch als etwas Positives.
Kinder wie Sabrina verbringen seit Jahren ihre Tage damit, von Explosionen geweckt zu werden, in Schutzräume zu laufen, aus ihren Häusern vertrieben zu werden, von Freundinnen und Freunden getrennt zu sein und sich zu fragen, wann der nächste Angriff kommt. Wir sehen Kinder, die Schwierigkeiten haben zu schlafen, sich zu konzentrieren oder ihre Gefühle zu regulieren. Ein Kind kann diese Angst nicht einfach an der Tür des Klassenzimmers zurücklassen.
Eine Luftschutzsirene bedeutet, dass eine Mathematikstunde mitten im Unterricht unterbrochen wird. Die Kinder verlassen ihre Plätze und suchen Schutz. Sie warten auf Entwarnung. Dann kehren sie zurück. Sie versuchen erneut, sich zu konzentrieren – und wieder ertönt die Sirene. Es lohnt sich, dies zu wiederholen: Kinder und Eltern setzen alles daran, lernen zu können. Doch die Auswirkungen dieses Krieges sind deutlich und unmittelbar spürbar.
Trotz allem – und als Beleg für den Einsatz der Eltern, der Regierung und humanitärer Partner – kehrten im September dieses Jahres fast 4,2 Millionen Kinder zum Unterricht zurück, darunter mehr als 712.000 Kinder im Vorschulalter. Auch mehr als 366.000 Lehrkräfte kehrten in ihre Klassenräume zurück.
Eine beträchtliche Zahl von Kindern ist weiterhin auf hybride oder vollständig digitale Lernformen angewiesen. Dabei verändert sich die Lage ständig, da sich die Angriffsschwerpunkte sowie die Anzahl der Angriffe verlagern und verschärfen. Fast die Hälfte aller Kinder im Vorschulalter erhält keine regelmäßige frühkindliche Bildung und Betreuung und verliert dadurch wichtige Chancen, grundlegende Fähigkeiten für lebenslanges Lernen zu entwickeln.
Und nun nähert sich eine weitere Bedrohung: der Winter. Angriffe auf die Infrastruktur werden zu Unterbrechungen der Strom- und Wärmeversorgung führen. Im vergangenen Jahr litten fast zwei Millionen Kinder unter extremen Winterbedingungen, nachdem sie ohne Heizung, Strom und Wasser auskommen mussten. Stromausfälle beeinträchtigten zudem den Online-Unterricht, wobei Frontregionen wie Sumy besonders stark betroffen waren.
Mit der Winterhilfe 2026–2027 will UNICEF drei Millionen Menschen erreichen, darunter 540.000 Kinder. Dazu gehören die Reparatur von Heizsystemen sowie die Bereitstellung von Notstromlösungen für Schulen. So soll sichergestellt werden, dass 375.000 Schülerinnen und Schüler den gesamten Winter hindurch in Präsenz weiter lernen können. Gemeinsam mit unseren Partnern sanieren wir zudem Schutzräume in Schulen, reparieren durch Angriffe beschädigte Bildungseinrichtungen, unterstützen beim Aufholen von Lernrückständen und bieten psychosoziale sowie psychische Unterstützung an.
Wir tun alles in unserer Macht Stehende, damit Kinder weiter lernen können. Doch keine noch so umfangreiche Unterstützung kann ihre Bildung vor den Folgen fortgesetzter Angriffe schützen.“
Hinweise
Foto- und Videomaterial kann hier heruntergeladen werden.
Das Programme for International Student Assessment (PISA) der OECD bewertet Wissen, Kompetenzen und Einstellungen von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern. Die Ukraine nahm erstmals im Jahr 2018 an PISA teil. An der PISA-Erhebung 2025 nahmen 17 Regionen beziehungsweise Verwaltungseinheiten der Ukraine teil. Die folgenden zehn Regionen wurden nicht erfasst: Oblast Dnipropetrowsk, Oblast Donezk, Oblast Charkiw, Oblast Luhansk, Oblast Saporischschja, Oblast Cherson, Oblast Mykolajiw, Oblast Sumy, die Autonome Republik Krim sowie die Stadt Sewastopol.
Informationen zu den PISA-Ergebnissen der Ukraine finden Sie unter dem entsprechenden Link.
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