Ein Mädchen im Jemen bekommt Spezialnahrung gegen Mangelernährung.
Ein Mädchen im Jemen bekommt Spezialnahrung gegen Mangelernährung.

Dies ist eine Zusammenfassung der Aussagen von UNICEF-Landesvertreter im Jemen, Akhil Iyer, bei der heutigen Pressekonferenz im Palais des Nations in Genf. Die Zitate können ihm zugeschrieben werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gewalt im Jemen verschärft Hungerkrise: Mehr als 2,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind 2026 von akuter Mangelernährung bedroht, über 500.000 von schwerer akuter Mangelernährung.
  • Jedes vierte untersuchte Kind mangelernährt: UNICEF-Teams stellten in den vergangenen Wochen bei mehr als 25 Prozent der knapp 2.900 gescreenten Kinder akute Mangelernährung fest.
  • 130.000 Menschen auf der Flucht: Seit der jüngsten Gewalteskalation wurden fast 130.000 Menschen vertrieben, darunter schätzungsweise 71.000 Kinder.
  • Kinder zahlen den höchsten Preis: Seit dem 3. September wurden mindestens 15 Kinder getötet und 14 weitere verletzt; drei Kinder gelten noch als vermisst.
  • Bildung massiv beeinträchtigt: 243 Schulen mussten schließen oder den Unterricht aussetzen, betroffen sind mehr als 137.000 Schülerinnen und Schüler.
  • UNICEF weitet Nothilfe aus: Mit Gesundheits- und Ernährungsteams, sauberem Wasser sowie Schutzmaßnahmen sollen bis zu 231.000 Menschen, darunter viele Kinder, erreicht werden.

Aden/Wien – „Kinder im gesamten Jemen tragen erneut die Hauptlast des eskalierenden Konflikts. Erlauben Sie mir, heute nicht mit einer Zahl zu beginnen, sondern mit einem Kind.

Gestern besuchte ich das Vertriebenenzentrum Al Firdous in Aden und konnte aus erster Hand sehen, welche zunehmend gravierenden Auswirkungen die erneuten Kämpfe auf Kinder und Familien haben.

Dort traf ich den vierjährigen Taha in einer von UNICEF unterstützten mobilen Klinik. Seine Familie war gerade vor der Gewalt im rund 200 Kilometer entfernten Distrikt Mokha geflohen und hatte dabei ihr Zuhause und ihren Besitz zurücklassen müssen.

Taha leidet an schwerer akuter Mangelernährung. Seine Mutter sagte uns: ‚Wir sind mit nichts geflohen. Meine einzige Angst war, dass ich meinen Sohn verlieren würde, bevor ich Hilfe finde.‘

Leider ist Tahas Geschichte kein Einzelfall.

Was er und seine Familie durchleben, wiederholt sich im ganzen Land und trifft eine Bevölkerung, die bereits durch jahrelange anhaltende Ernährungs- und Versorgungskrisen geschwächt ist.

Ein weiterer verhängnisvoller Teufelskreis beschleunigt sich nun – ein Kreislauf, den die Kinder im Jemen nur allzu gut kennen: Konflikte verursachen Hunger, und Hunger macht Kinder anfälliger für die Folgen von Konflikten.

In den vergangenen Wochen wurden nahezu 2.900 Kinder von den mobilen Ernährungsteams von UNICEF in Gebieten untersucht, in denen ein sicherer humanitärer Zugang gewährleistet und möglich ist. Mehr als jedes vierte Kind litt an akuter Mangelernährung, und über 200 Kinder waren von schwerer akuter Mangelernährung betroffen.

Doch dies zeigt nur einen kleinen Ausschnitt davon, wie verheerend die Lage tatsächlich ist.

Bereits vor der jüngsten Verschärfung der Kämpfe wurde landesweit prognostiziert, dass im Jahr 2026 mehr als 2,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren von akuter Mangelernährung betroffen sein würden. Mehr als eine halbe Million von ihnen würde an schwerer akuter Mangelernährung leiden, der tödlichsten Form der Mangelernährung.

Vor diesem ohnehin dramatischen Hintergrund wird nun auch der Zugang zu Gesundheitsversorgung und Ernährungsbehandlung beeinträchtigt. Für zu viele Familien findet die Suche nach Nahrung mittlerweile auf der Flucht statt.

In den vergangenen drei Wochen wurden nahezu 130.000 Menschen – darunter schätzungsweise 71.000 Kinder – aus ihren Häusern vertrieben. Die Mehrheit von ihnen befindet sich im südwestlichen Gouvernement Taiz und kann aufgrund der Kämpfe, blockierter Straßen oder fehlender Transportmöglichkeiten nicht in sicherere Gebiete gelangen.

Manche Familien wurden nicht nur einmal oder zweimal, sondern bis zu sechs Mal vertrieben.

Haifa, eine junge Mutter, die von der Westküste des Jemen fliehen musste, erzählte uns: ‚Die Geräusche von Schüssen kamen immer näher und das Haus bebte. Ich hatte keine Zeit nachzudenken. Ich wusste nur, dass ich mit meiner Familie fliehen musste.‘

Heute lebt sie mit ihrer Familie in einem Zelt bei extremer Hitze, ohne Einkommensquelle und mit großen Schwierigkeiten, Nahrung und Medikamente zu beschaffen.

‚Die Vertreibung hat uns unsere Würde genommen‘, sagt Haifa.

Genau das bewirkt Vertreibung. Sie nimmt den Menschen nicht nur ihr Zuhause. Sie nimmt ihnen ihre Lebensgrundlage. Ihre Gemeinschaft. Ihre Unabhängigkeit. Ihren Alltag. Die Gewissheit, dass morgen auch nur annähernd so sein wird wie heute.

Abgesehen davon, dass sie aus ihren Häusern vertrieben wurden, haben bereits viel zu viele Kinder in diesem Konflikt den höchsten Preis bezahlt.

Seit dem 3. September hat UNICEF bestätigt, dass mindestens 15 Kinder getötet und 14 weitere verletzt wurden. Drei weitere Kinder gelten weiterhin als vermisst.

Hinter jedem einzelnen dieser Kinder steht ein Elternteil, das das Unvorstellbare durchlebt – Trauer, Angst oder die Qual der Ungewissheit.

Auch die Bildung ist von den Entwicklungen betroffen. In den vergangenen Wochen wurden 243 Schulen geschlossen oder mussten den Unterricht aussetzen. Davon sind mehr als 137.000 Schülerinnen und Schüler betroffen.

UNICEF weitet seine Nothilfe aus, um bis zu 231.000 Menschen im Jemen zu erreichen, darunter viele Kinder. Dies geschieht durch mobile Gesundheits- und Ernährungsteams, die Bereitstellung von sauberem Wasser, die Unterstützung von Gesundheitseinrichtungen sowie Maßnahmen im Bereich Kinderschutz.

Humanitäre Hilfe kann jedoch Schutz nicht ersetzen. Wir können Kinder nicht weiterhin dazu zwingen, etwas zu überleben, dem sie niemals hätten ausgesetzt werden dürfen.

Alle Konfliktparteien müssen Kinder und zivile Infrastruktur schützen, das humanitäre Völkerrecht respektieren und einen sicheren sowie ungehinderten humanitären Zugang gewährleisten.

Die Kinder, denen ich hier begegnet bin, sprechen nicht über Geopolitik. Sie fragen nach ihrem Zuhause, ihrer Schule und den Menschen, die sie zurücklassen mussten. Sie fragen, wo sie heute Nacht schlafen werden.

Das sollten nicht die prägenden Fragen einer Kindheit sein.

Die Kinder im Jemen haben durch den Konflikt bereits viel zu viel verloren. Sie dürfen nicht gezwungen werden, noch mehr zu verlieren.“

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