Die verdrängte Tragödie: Bald 13 Millionen AIDS-Waisen

Wien, Genf, New York 30.11.99: UNICEF ruft am Welt-AIDS-Tag zu verstärkter Hilfe für AIDS-Waisen in
Afrika auf. Bis heute verdrängt die internationale Gemeinschaft die größte soziale Katastrophe in der
Geschichte Afrikas. Bis Ende 2000 werden rund 13 Millionen Kinder Mutter oder beide Elternteile durch
AIDS verloren haben. Das bedeutet einen Anstieg um 57 Prozent seit 1997. 90 Prozent dieser Kinder leben auf
dem afrikanischen Kontinent. Hilfsprogramme erreichen bisher nur einen kleinen Teil von ihnen. Dies ist
Ergebnis einer UNICEF-Studie zur Lage der AIDS-Waisen in Uganda, Botswana, Malawi, Sambia und
Simbabwe, die am Welt-AIDS-Tag vorgestellt wird. In Sambia beispielsweise erhalten nur sieben Prozent der
rund 360.000 AIDS-Waisen irgendeine Form öffentlicher Unterstützung. Die meisten werden bisher von
Verwandten und der Gemeinschaft versorgt. Doch angesichts des Ausmaßes der Tragödie sind die
traditionellen Unterstützungssysteme zusehends überfordert. AIDS-Waisen sind besonders von
Vernachlässigung und Ausbeutung bedroht. Viele von ihnen müssen sich als Straßenkinder durchs Leben
schlagen.

UNICEF weist auch darauf hin, daß bis heute auf dem gesamten afrikanischen Kontinent jährlich lediglich rund
150 Millionen Dollar im Kampf gegen AIDS ausgegeben werden. Das entspricht in etwa dem Preis für zwei
moderne Kampfjets des Typs Eurofighter.

Auch wird die AIDS-Epidemie von Regierungen und Öffentlichkeit in einigen besonders betroffenen Ländern
nach wie vor verdrängt. Und selbst da wo der politische Wille vorhanden ist, verhindern Armut und
Überschuldung wirksame Maßnahmen im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit. In sieben Ländern
südlich der Sahara fließen jährlich 30 Prozent der öffentlichen Ausgaben in den Schuldendienst - jedoch nur
zwischen vier und 20 Prozent in die soziale und gesundheitliche Grundversorgung der Menschen.

Kinder ohne Eltern

Das Zentrum der weltweiten AIDS-Epidemie liegt im östlichen und südlichen Afrika. Hier leben zwar nur 4,8
Prozent der Weltbevölkerung. Auf diese entfallen jedoch 48 Prozent aller HIV-Infektionen. In einigen Ländern
wird jeder vierte bis fünfte Erwachsene in den nächsten Jahren an der Immunschwächekrankheit sterben. Viele
dieser Menschen hinterlassen Kinder. Bereits heute sind beispielsweise in Sambia neun Prozent der Kinder
unter 15 Jahren Waisen. In Simbabwe und Malawi liegt der Anteil bei sieben Prozent.

AIDS-Waisen, so die UNICEF-Studie, zählen zu den am stärksten benachteiligten Kindern:

* Vernachlässigung: AIDS-Waisen sind meist schlechter ernährt als ihre Altersgenossen, die bei ihren
Eltern leben. Häufig müssen sie die Schule abbrechen, um ihre Geschwister zu versorgen oder Geld zu
verdienen. Und sie werden schlechter medizinisch betreut, weil angenommen wird, sie selbst hätten AIDS
und eine Behandlung sei zwecklos.
* Trauma: Krankheit und Tod der Eltern bedeuten eine große psychische Belastung. Die Kinder sind über
längere Zeit mit den Schmerzen und der Verzweiflung der Eltern konfrontiert ohne ihnen helfen zu können.
Denn lindernde Medikamente sind meist nicht zugänglich. Viele AIDS-Waisen im südlichen Afrika sind
durch diese Erfahrungen traumatisiert. Sie leiden an Depressionen, Streßsymptomen und Angstzuständen.
Sie haben alles verloren, was ihnen Geborgenheit, Sicherheit und Hoffnung gab.
* Ausgrenzung: Scham, Angst und Ablehnung prägen den Umgang mit HIV-Infektionen und AIDS fast überall
auf der Welt. Diese Reaktionen übertragen sich auch auf Kinder, deren Eltern an der
Immunschwächekrankheit leiden. Häufig legt man ihnen nahe, die Schule zu verlassen, weil angenommen
wird, daß sie selbst infiziert sind und jemanden anstecken könnten. Wenn sich Nachbarn oder Verwandten
nicht um sie kümmern können oder wollen, müssen sich viele prostituieren, um zu überleben. Die Hälfte
der schätzungsweise 75.000 Straßenkinder in Sambia sind Waisenkinder.

Schlußfolgerungen der UNICEF-Studie

Bis heute sind sowohl die nationalen als auch die internationalen Maßnahmen im Kampf gegen die Folgen der
AIDS-Epidemie und die Verbreitung des HI-Virus in Entwicklungsländern unzureichend. Die UNICEF-Studie
empfiehlt daher:

* Politischen Willen mobilisieren: Politik und Öffentlichkeit der betroffenen Länder müssen das Thema
AIDS endlich enttabuisieren. In Uganda beispielsweise konnte durch eine breite öffentliche Diskussion in
den vergangenen Jahren die Rate der Neuinfektionen deutlich reduziert werden. Diese Enttabuisierung
muß einhergehen mit Investitionen in die gesundheitliche Grundversorgung der armen
Bevölkerungsgruppen.
* Gemeinden und Pflegefamilien stärken: Die Gemeinden brauchen materielle Hilfe und Beratung, um die
Ernährung, medizinische Versorgung, Unterbringung und Schulbildung der wachsenden Zahl von Waisen
sicherzustellen. Kinder müssen möglichst schon identifiziert und begleitet werden, wenn ihre Eltern noch
leben. Kinderhaushalte und Pflegefamilien brauchen Unterstützung in Form von Kleidung, Nahrung und
Schulutensilien.
* Armutsbekämpfung: Die von der AIDS-Epidemie besonders betroffenen Länder zählen zu den ärmsten und
am höchsten verschuldeten der Welt. UNICEF schlägt vor, den von Weltbank und Weltwährungsfonds
geplanten Schuldenerlaß direkt an den Kampf gegen AIDS zu knüpfen.