Jemen: Die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren ist 2021 durch akute Mangelernährung bedroht - UN

Sana'a/Aden/Rom/New York/Genf/Wien - Diese Humanitäre Krise fordert weiterhin einen schrecklichen Tribut von Kindern, warnen FAO, UNICEF, WFP und WHO

Amal wird bei einer Untersuchung auf schwere akute Mangelernährung im Gesundheitszentrum Arhab in der Region Sana'a gemessen. Juni 2020

Amal wird bei einer Untersuchung auf schwere akute Mangelernährung im Gesundheitszentrum Arhab in der Region Sana'a gemessen. Jemen, Juni 2020 © UNICEF

Fast 2,3 Millionen Kinder unter fünf Jahren im Jemen werden im Jahr 2021 voraussichtlich an akuter Mangelernährung leiden, warnten heute vier Organisationen der Vereinten Nationen. Von diesen Kindern werden 400.000 an schwerer akuter Mangelernährung leiden und könnten sterben, wenn sie nicht dringend behandelt werden.

Die neuen Zahlen aus dem jüngsten Bericht zur Integrierten Klassifizierung der akuten Mangelernährung (Integrated Food Security Phase Classification, IPC), der heute von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), dem Welternährungsprogramm (WFP), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Partnern veröffentlicht wurde, bedeuten einen Anstieg der akuten Mangelernährung und der schweren akuten Mangelernährung bei Kindern unter fünf Jahren um 16 Prozent bzw. 22 Prozent ab 2020.

Die Organisationen warnen auch, dass diese zu den höchsten Niveaus der schweren akuten Mangelernährung im Jemen seit der Eskalation des Konflikts im Jahr 2015 zählen, die aufgezeichnet wurden.

Mangelernährung schädigt die körperliche und kognitive Entwicklung eines Kindes, besonders in den ersten beiden Lebensjahren. Sie ist weitgehend irreversibel und führt zu Krankheit, Armut und Ungleichheit.

Die Vorbeugung von Mangelernährung und die Bekämpfung ihrer verheerenden Auswirkungen beginnt mit einer guten Gesundheit der Mütter. Dennoch werden im Jemen im Jahr 2021 voraussichtlich 1,2 Millionen schwangere oder stillende Frauen akut mangelernährt sein.

Jahrelanger bewaffneter Konflikt und wirtschaftlicher Niedergang, die COVID-19-Pandemie und ein schwerwiegender Finanzierungsengpass für die humanitäre Hilfe treiben erschöpfte Gemeinschaften an den Rand des Abgrunds, mit steigenden Niveaus der Ernährungsunsicherheit. Viele Familien sind gezwungen, die Menge oder die Qualität ihrer Nahrung zu reduzieren und in einigen Fällen sind sie sogar gezwungen, beides zu tun.

„Die steigende Anzahl an Kindern, die im Jemen hungern, sollte uns alle schockieren", sagt UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. „Mit jedem Tag, der verstreicht, ohne dass etwas geschieht, werden mehr Kinder sterben. Humanitäre Organisationen brauchen dringend berechenbare Ressourcen und ungehinderten Zugang zu den Gemeinden vor Ort, um Leben retten zu können."

„Die Familien im Jemen leiden schon viel zu lange an der Gewalt des Konflikts und neuere Bedrohungen wie COVID-19 haben ihre unerbittliche Notlage nur noch verschlimmert", sagt FAO-Generaldirektor QU Dongyu. „Ohne Sicherheit und Stabilität im ganzen Land und einen verbesserten Zugang zu den Landwirten, damit sie wieder genügend und nahrhafte Nahrungsmittel anbauen können, werden die Kinder im Jemen und ihre Familien immer tiefer in den Hunger und Mangelernährung abrutschen."

„Diese Zahlen sind ein weiterer Hilfeschrei aus dem Jemen, wo jedes mangelernährte Kind auch eine Familie bedeutet, die ums Überleben kämpft", sagt WFP-Exekutivdirektor David Beasley. „Die Krise im Jemen ist eine giftige Mischung aus Konflikt, wirtschaftlichem Zusammenbruch und einem schweren Mangel an finanziellen Mitteln, um die lebensrettende Hilfe zu leisten, die dringend benötigt wird. Aber es gibt eine Lösung für den Hunger und das ist Nahrung und ein Ende der Gewalt. Wenn wir jetzt handeln, dann ist noch Zeit, das Leiden der Kinder im Jemen zu beenden."

„Krankheiten und ein schlechtes Gesundheitsumfeld sind die Hauptursachen für die Mangelernährung von Kindern", sagt WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. „Gleichzeitig sind mangelernährte Kinder anfälliger für Krankheiten wie Durchfall, Atemwegsinfektionen und Malaria, die unter anderem im Jemen ein großes Problem darstellen. Es ist ein teuflischer und oft tödlicher Kreislauf, aber mit relativ günstigen und einfachen Maßnahmen können viele Leben gerettet werden."

Die akute Mangelernährung bei Kleinkindern und Müttern im Jemen hat mit jedem Jahr des Konflikts zugenommen, getrieben durch hohe Krankheitsraten, wie Durchfall, Atemwegsinfektionen und Cholera, und steigende Raten der Ernährungsunsicherheit. Zu den am stärksten betroffenen Regionen gehören Aden, Al Dhale, Hajjah, Hodeida, Lahj, Taiz und Sana'a Stadt, auf die mehr als die Hälfte der erwarteten Fälle von akuter Mangelernährung im Jahr 2021 entfallen.

Heute ist der Jemen einer der gefährlichsten Orte der Welt für Kinder, die dort aufwachsen. Das Land hat eine hohe Rate an übertragbaren Krankheiten, einen eingeschränkten Zugang zu Routineimpfungen und Gesundheitsdiensten für Kinder und Familien, schlechte Ernährungspraktiken für Säuglinge und Kleinkinder sowie unzureichende sanitäre Einrichtungen und Hygienesysteme.  

Das ohnehin schon schwache Gesundheitssystem ist mit den Auswirkungen von COVID-19 konfrontiert. Die spärlichen Ressourcen werden aufgezehrt und das führt dazuHilfe, dass weniger Menschen medizinische Hilfe in Anspruch nehmen.

Die katastrophale Situation der jüngsten Kinder und Mütter im Jemen bedeutet, dass jede Unterbrechung der humanitären Hilfe – von der Gesundheitsversorgung über Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene bis hin zu Ernährung, Nahrungsmittelhilfe und Unterstützung bei der Sicherung des Lebensunterhalts – zu einer Verschlechterung ihres Ernährungszustands führen kann.

Die humanitäre Hilfe bleibt kritisch unterfinanziert. Im Jahr 2020 erhielt der Nothilfeplan für humanitäre Hilfe 1,9 Milliarden US-Dollar der benötigten 3,4 Milliarden US-Dollar.

Für Redaktionen

Eine Auswahl an Videos und Fotos steht Redaktionen im Rahmen der Berichterstattung zum kostenfreien Download zur Verfügung.

Der gesamte Bericht in Englisch kann hier abgerufen werden.
Die Analyseseite findet sich hier.

Über das WFP
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist der Friedensnobelpreisträger des Jahres 2020. WFP ist die weltweit größte humanitäre Organisation, die in Notsituationen Leben rettet und Nahrungsmittelhilfe einsetzt, um einen Weg zu Frieden, Stabilität und Wohlstand für Menschen zu schaffen, die sich von Konflikten, Katastrophen und den Auswirkungen des Klimawandels erholen.

Über die FAO
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die die internationalen Bemühungen zur Bekämpfung des Hungers anführt. Ihr Ziel ist es, Ernährungssicherheit für alle zu erreichen und sicherzustellen, dass die Menschen regelmäßig Zugang zu genügend hochwertigen Nahrungsmitteln haben, um ein aktives, gesundes Leben zu führen. Mit über 194 Mitgliedern arbeitet die FAO in mehr als 130 Ländern weltweit.

Über die WHO
Die Weltgesundheitsorganisation ist innerhalb des Systems der Vereinten Nationen weltweit führend im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Die WHO wurde 1948 gegründet und arbeitet mit 194 Mitgliedstaaten in sechs Regionen und mehr als 150 Büros zusammen, um die Gesundheit zu fördern, die Welt sicher zu machen und den Schwachen zu helfen. Unser Ziel für 2019-2023 ist es, dafür zu sorgen, dass eine Milliarde mehr Menschen eine universelle Gesundheitsversorgung haben, eine Milliarde mehr Menschen vor gesundheitlichen Notfällen zu schützen und einer weiteren Milliarde Menschen eine bessere Gesundheit und ein besseres Wohlbefinden zu ermöglichen.