Tödliche COVID-19-Welle in Indien: „Kinder erleben eine Tragödie“

Genf/Köln/Wien - Statement von Dr. Yasmin Ali Haque, Leiterin von UNICEF Indien vom 7. Mai 2021

Indien 2020: Seit Beginn der Pandemie unterstützt UNICEF Kinder und Familien vor Ort

Indien 2020: Seit Beginn der Pandemie unterstützt UNICEF Kinder und Familien vor Ort, u.a. durch Aufklärung über die Gefahren einer Corona-Infektion und nötige Schutzmaßnahmen. © UNICEF

„Indien kämpft mit einer tödlichen zweiten Welle der COVID-19-Pandemie. In den letzten 24 Stunden erreichte die Zahl der Neuinfektionen in Indien mit 414.188 einen neuen weltweiten Rekordstand. Mehr als 3.900 Menschen in Indien starben an oder mit COVID-19.

Das Virus breitet sich rasant aus – das besorgt uns sehr. Im Durchschnitt gab es in den letzten 24 Stunden mehr als vier Neuinfektionen pro Sekunde und mehr als zwei Todesfälle pro Minute. Immer mehr Menschen jeder Altersgruppe infizieren sich mit dem Virus, auch Kinder und Babys.

Was in Indien geschieht ist ein Alarm für uns alle. Die Pandemie ist alles andere als vorbei. Die Neuinfektionen steigen in ganz Südasien an, insbesondere in Nepal, Sri Lanka und auf den Malediven. Gesundheitssysteme drohen an den Rand des Zusammenbruchs zu geraten. Aufgrund der sehr niedrigen Impfquote in Südasien besteht die Gefahr, dass das Virus sich noch weiter ausbreitet. Auch in anderen Teilen der Welt ist die Situation alarmierend."

Die erneute COVID-19-Welle hat tiefgreifende Folgen für Kinder

„Je mehr das Virus sich ausbreitet, desto tiefgreifender sind die Folgen für Kinder und ihre Gesundheits- und Grundversorgung. Viele verlieren ihre Eltern oder Angehörige und stürzen ins Elend. Sie durchleben eine Tragödie.

Obwohl es noch nicht genügend Informationen vorliegen, beobachten wir, dass in den sozialen Medien vermehrt illegale Adoptionsangebote verbreitet werden. Das erhöht das Risiko von Menschenhandel und Gewalt. UNICEF fordert größere Anstrengungen zum Schutz von Waisenkindern. Wir müssen dringend dafür sorgen, dass Kinder ohne Eltern Hilfe von Familienangehörigen und Verwandten bekommen und dass arme Familien Unterstützung erhalten.

Die zweite Welle hat schlimme Folgen für die Kinder und schränkt ihren Zugang zu wichtigen Gesundheits- und Sozialdiensten, Schutzmaßnahmen sowie Bildungsangeboten ein. Viele Kinder haben mit psychischen Problemen zu kämpfen und sind einem größeren Risiko von Gewalt ausgesetzt, da sie durch den Lockdown von wichtigen Hilfsangeboten abgeschnitten werden.

Viele von ihnen verpassen lebensrettende Routineimpfungen und haben keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung, wenn sie zum Beispiel an einer Lungenentzündung und anderen Krankheiten erkranken.

Bei 27 Millionen Geburten und 30 Millionen Schwangerschaften pro Jahr ist die Geburtsvorsorge in Indien besonders wichtig. Aufgrund der Überlastung der Gesundheitseinrichtungen haben immer mehr Familien jedoch keinen Zugang zu dieser wichtigen Gesundheitsversorgung.

Die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren in Indien ist mangelernährt. Die Krise droht die Ernährung von Kindern und die Grundversorgung im ganzen Land weiter zu beeinträchtigen."

UNICEF unterstützt Kinder und ihre Familien in Indien

„Schulen im ganzen Land sind geschlossen und auch der Zugang zu Fernunterricht ist in mehreren Bundesstaaten teilweise unterbrochen. Für 247 Millionen Kinder in der Grund- und Sekundarstufe fallen die Schulen als sichere Orte weg – genau dann, wenn sie diese am meisten brauchen. Darüber hinaus haben viele Kinder keinen Zugang zum digitalen Lernen. Der Bildungsnotstand in Indien wird also anhalten.

UNICEF unterstützt die Regierung dabei, die Grundversorgung für die am stärksten gefährdeten Kinder sicherzustellen.

Seit Beginn der Pandemie arbeitet UNICEF unermüdlich daran, die verheerenden Auswirkungen der Pandemie auf Kinder einzudämmen.

Wir haben wichtige lebensrettende Hilfsgüter nach Indien gebracht, darunter 3.000 Sauerstoffkonzentratoren, Tests, Medikamente und andere Ausrüstung sowie zwei Millionen Schutzvisiere und 200.000 chirurgische Masken."

Globale Auswirkungen der Situation in Indien

"Indien ist der größte Impfstoffproduzent weltweit. Die rasant steigende Nachfrage nach Impfdosen gegen COVID19 in Indien bedeutet, dass Millionen von Dosen, die für Länder mit niedrigem Einkommen bestimmt waren, nicht exportiert werden können. Das führt zu einer großen Versorgungslücke und erhöht das Risiko für weitere Ausbrüche und Mutationen.

Wir müssen jetzt alles tun, um die Krise zu stoppen. Die COVID-19-Pandemie hat uns einmal mehr gezeigt, wie sehr unsere Welten miteinander verbunden sind. Die Lage in Indien ist dramatisch. Wir müssen jetzt Solidarität zeigen und verhindern, dass sich die Situation auch in anderen Ländern verschlimmert. Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung und die Solidarität der internationalen Gemeinschaft – sie sollte anhalten, bis wir die Pandemie besiegt haben.

Wenn wir dem Virus einen Schritt voraus sein wollen, müssen wir gerechten Zugang zu Impfdosen für alle ermöglichen. Daher sollten Rechte an geistigem Eigentum durch freiwillige und proaktive Lizenzen vereinfacht werden. Gestern kam die großartige Nachricht von US-Präsident Biden, dass er die Aussetzung von Patenten für COVID-19-Impfstoffe unterstützt.

Ein solcher Durchbruch im globalen Kampf gegen die Pandemie macht uns Hoffnung auf eine effektive internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen die Pandemie. Darüber hinaus würden wir eine Vereinfachung der Patentrechte durch freiwillige und proaktive Lizenzierung begrüßen.

Märkte allein können nicht garantieren, dass Innovationen allen zugutekommen. Deshalb sind freiwillige Lizenzen, gepoolte Fonds und multilaterale Mechanismen wie COVAX eine effektive und pragmatische Möglichkeit für Produktentwickler und Hersteller, um zusammenzuarbeiten, Innovationen zu entwickeln und einen gerechten Zugang zu Impfstoffen zu ermöglichen.

Und wir müssen den Impfnationalismus beenden. Die Regierungen sollten direkte und indirekte Export- und Importkontrollmaßnahmen aufheben, die den Export von COVID-19-Impfstoffen, -Inhaltsstoffen und -Lieferungen blockieren, einschränken oder verlangsamen. Viren kennen keine Grenzen. COVID-19 in unseren Heimatländern zu besiegen bedeutet auch, es weltweit zu besiegen, indem ein stetiger Fluss von Impfstoffen und Lieferungen für alle sichergestellt wird.

UNICEF Indien benötigt 21 Millionen US-Dollar für die Lieferung von zusätzlichen Testgeräten, Hilfsgütern und Sauerstoffprodukten und mehr als 50 Millionen US-Dollar für lebensrettende Covid-19-Maßnahmen in verschiedenen Sektoren.

Aber Impfstoffe sind kein Zauberstab. Mehr denn je gilt es, Masken zu tragen, uns so oft wie möglich die Hände mit Seife zu waschen und Abstand zu halten."

Weitere Informationen zum Einsatz von UNICEF im Kampf gegen das Coronavirus finden Sie hier.