Millionen Kinder sind durch tödliche Krankheiten gefährdet - WHO, UNICEF, Gavi

Genf/New York/Wien - Die Impfdienste erholen sich zwar langsam von den Unterbrechungen durch COVID-19, jedoch sind weiterhin Millionen Kinderleben durch tödliche Krankheiten bedroht. Eine ehrgeizige neue globale Strategie zielt darauf ab, durch Impfungen über 50 Millionen Leben zu retten.

Eine Krankenschwester verabreicht einem Baby in einem Gesundheitszentrum in Mauretanien eine Schluckimpfung gegen Rotavirus.

Eine Krankenschwester verabreicht einem Baby im Gesundheitszentrum von Nouakchott, Mauretanien, eine Schluckimpfung gegen Rotavirus. 1. Juni 2020 © UNICEF

Während sich die Impfdienste von den durch COVID-19 verursachten Unterbrechungen zu erholen beginnen, sind Millionen Kinder weiterhin tödlichen Krankheiten ausgesetzt, warnen die Weltgesundheitsorganisation (WHO), UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, und Gavi, die Impfstoffallianz, heute im Rahmen der Weltimpfwoche. Die Organisationen betonten die dringende Notwendigkeit eines erneuten globalen Engagements zur Verbesserung des Zugangs zu und der Akzeptanz von Impfungen.

„Impfstoffe werden uns helfen, die COVID-19-Pandemie zu beenden, aber nur, wenn wir einen fairen Zugang für alle Länder sicherstellen und starke Systeme aufbauen, um sie bereitzustellen", sagt Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO. „Und wenn wir mehrere Ausbrüche lebensbedrohlicher Krankheiten wie Masern, Gelbfieber und Diphtherie vermeiden wollen, müssen wir sicherstellen, dass in allen Ländern der Welt Routineimpfungen angeboten werden."

Eine Umfrage der WHO hat ergeben, dass trotz Fortschritten im Vergleich zur Situation im Jahr 2020 immer noch mehr als ein Drittel der befragten Länder (37%) von Unterbrechungen ihrer Routineimpfdienste berichten.

Unterbrechungen bei Routineimpfungen

Auch Massenimpfkampagnen werden gestört. Nach neuen Daten werden derzeit 60 dieser lebensrettenden Kampagnen in 50 Ländern verschoben, wodurch rund 228 Millionen Menschen – meist Kinder – dem Risiko ausgesetzt sind, an z.B. Masern, Gelbfieber und Polio zu erkranken. Mehr als die Hälfte der 50 betroffenen Länder liegt in Afrika, was die anhaltenden Ungleichheiten beim Zugang zu wichtigen Impfungen verdeutlicht.

Kampagnen zur Immunisierung gegen Masern, eine der ansteckendsten Krankheiten, die überall dort zu großen Ausbrüchen führen kann, wo Menschen nicht geimpft sind, sind am stärksten betroffen. Masernkampagnen machen 23 der verschobenen Kampagnen aus, die schätzungsweise 140 Millionen Menschen betreffen. Viele sind nun schon seit über einem Jahr verschoben worden.

„Schon vor der Pandemie gab es besorgniserregende Anzeichen dafür, dass wir im Kampf gegen vermeidbare Kinderkrankheiten an Boden verlieren, da bereits 20 Millionen Kinder wichtige Impfungen verpasst haben", sagt Henrietta Fore, UNICEF-Exekutivdirektorin. „Die Pandemie hat eine schlechte Situation noch verschlimmert und dazu geführt, dass Millionen weiterer Kinder nicht geimpft werden. Jetzt, wo Impfungen in aller Munde sind, müssen wir diese Energie aufrechterhalten, um jedem Kind zu helfen, seine Masern-, Polio- und andere Impfungen nachzuholen. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Verlorener Boden bedeutet verlorene Leben."

Als Folge von Unterbrechungen in der Impfabdeckung wurden in jüngster Zeit schwere Masernausbrüche in Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo, Pakistan und dem Jemen gemeldet. Es ist außerdem wahrscheinlich, dass sie auch in anderen Ländern auftreten werden, da eine wachsende Anzahl von Kindern die lebensrettenden Impfstoffe verpasst, warnen die Organisationen. Diese Ausbrüche ereignen sich an Orten, die bereits mit Konfliktsituationen sowie mit Unterbrechungen der Versorgung aufgrund der laufenden Maßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 zu kämpfen haben.

Die Versorgung mit Impfstoffen und anderen Equipment ist auch für Kinderimpfungen unerlässlich. Aufgrund von Unterbrechungen zu Beginn der COVID-19-Pandemie lieferte UNICEF im Jahr 2020 2,01 Milliarden Impfstoffdosen aus, verglichen mit 2,29 Milliarden im Jahr 2019.

„Millionen Kinder auf der ganzen Welt werden wahrscheinlich auf grundlegende Impfstoffe verzichten müssen, da die aktuelle Pandemie zwei Jahrzehnte des Fortschritts bei der Routineimpfung zunichte zu machen droht", sagt Dr. Berkley, CEO von Gavi, der Impfstoffallianz. „Um die Genesung von COVID-19 zu unterstützen und künftige Pandemien zu bekämpfen, müssen wir sicherstellen, dass Routineimpfungen Vorrang haben, während wir uns auch darauf konzentrieren, Kinder zu erreichen, die keine Routineimpfungen oder überhaupt keine einzige Impfung erhalten. Um dies zu erreichen, müssen wir zusammenarbeiten – über Entwicklungsorganisationen, Regierungen und die Zivilgesellschaft hinweg – um sicherzustellen, dass kein Kind zurückgelassen wird".

Neue globale Impfstrategie soll über 50 Millionen Leben retten

Um diese Herausforderungen zu bewältigen und die Erholung von der COVID-19-Pandemie zu unterstützen, haben WHO, UNICEF, Gavi und andere Partner heute die Immunisierungsagenda 2030 (IA2030) vorgestellt, eine ehrgeizige neue globale Strategie zur Maximierung der lebensrettenden Wirkung von Impfstoffen durch stärkere Immunisierungssysteme.

Die Agenda konzentriert sich auf Impfungen während des gesamten Lebens, vom Säuglingsalter über die Jugend bis ins hohe Alter. Wenn sie vollständig umgesetzt wird, wird sie laut WHO schätzungsweise 50 Millionen Todesfälle verhindern – 75% davon in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.

Zu den Zielen, die bis 2030 erreicht werden sollen, gehören:

  • Erreichen einer 90-prozentigen Abdeckung für essenzielle Impfungen, die im Kindes- und Jugendalter verabreicht werden
  • Halbierung der Zahl der Kinder, die nicht geimpft werden  
  • Abschluss von 500 nationalen oder subnationalen Markteinführungen neuer oder unzureichend genutzter Impfstoffe – z.B. für COVID-19, Rotavirus oder humane Papillomaviren (HPV)

Dringender Handlungsbedarf bei allen Akteur*innen
Um die ehrgeizigen Ziele von IA2030 zu erreichen, rufen WHO, UNICEF, Gavi und Partner zu mutigem Handeln auf:

  • Die Staats- und Regierungschefs weltweit und die globale Gesundheits- und Entwicklungsgemeinschaft sollten sich ausdrücklich zu IA2030 verpflichten und in stärkere Immunisierungssysteme investieren, mit maßgeschneiderten Ansätzen für fragile und konfliktbetroffene Länder. Impfungen sind ein wesentliches Element eines effektiven Gesundheitssystems, zentral für die Pandemievorsorge und -bekämpfung und der Schlüssel, um die Belastung durch mehrere Epidemien, wenn sich die Gesellschaften wieder öffnen, zu verhindern.
  • Alle Länder sollten ehrgeizige nationale Impfpläne entwickeln und umsetzen, die mit dem IA2030-Rahmenwerk übereinstimmen, und die Investitionen erhöhen, um Impfdienste für alle zugänglich zu machen.
  • Die Gebergemeinschaft und Regierungen sollten ihre Investitionen in Impfstoffforschung und -innovation, -entwicklung und -bereitstellung erhöhen und sich dabei auf die Bedürfnisse der unterversorgten Bevölkerungsgruppen konzentrieren.
  • Die pharmazeutische Industrie und Wissenschaftler sollten in Zusammenarbeit mit Regierungen und Geldgebern die Forschung und Entwicklung von Impfstoffen weiter beschleunigen, eine kontinuierliche Versorgung mit erschwinglichen Impfstoffen sicherstellen, um den weltweiten Bedarf zu decken, und die Erkenntnisse aus COVID-19 auf andere Krankheiten übertragen.

Für Redaktionen

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Was Kinder rund um das Thema Impfen und Corona in Österreich interessiert, ihre Fragen und Antworten einer Expertin finden sie hier.

Die Weltimpfwoche 2021 findet in der letzten Aprilwoche (24.-30. April) statt, um die lebensrettenden Vorteile von Impfstoffen zu feiern. Das diesjährige Thema „Impfstoffe bringen uns näher“ soll zeigen, wie Impfungen uns mit den Menschen, Zielen und Momenten verbinden, auf die es ankommt, und dazu beitragen, die Gesundheit aller Menschen zu verbessern – überall und ein Leben lang.

Die Weltgesundheitsorganisation ist innerhalb des Systems der Vereinten Nationen weltweit führend im Bereich der öffentlichen Gesundheit. Die 1948 gegründete WHO arbeitet mit 194 Mitgliedstaaten in sechs Regionen und mehr als 150 Büros zusammen, um die Gesundheit zu fördern, die Welt sicher zu halten und den Schwachen zu helfen. Unser Ziel für 2019-2023 ist es, dafür zu sorgen, dass eine Milliarde mehr Menschen eine universelle Gesundheitsversorgung erhalten, eine Milliarde mehr Menschen vor gesundheitlichen Notfällen zu schützen und einer weiteren Milliarde Menschen eine bessere Gesundheit und ein besseres Wohlbefinden zu ermöglichen.

Gavi, die Impfstoff-Allianz, ist eine öffentlich-private Partnerschaft, die dazu beiträgt, dass die Hälfte aller Kinder der Welt gegen einige der tödlichsten Krankheiten geimpft wird. Seit ihrer Gründung im Jahr 2000 hat Gavi dazu beigetragen, eine ganze Generation – über 822 Millionen Kinder – zu impfen und mehr als 14 Millionen Todesfälle zu verhindern, was zur Halbierung der Kindersterblichkeit in 73 Ländern mit niedrigem Einkommen beiträgt. Gavi spielt auch eine Schlüsselrolle bei der Verbesserung der globalen Gesundheitssicherheit durch die Unterstützung von Gesundheitssystemen sowie die Finanzierung von globalen Vorräten für Ebola-, Cholera-, Meningitis- und Gelbfieberimpfstoffe. Gavi ist gemeinsam mit der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Mitinitiator von COVAX, der Impfstoffsäule des Access to COVID-19 Tools (ACT) Accelerator.